Fragen Sie Frau Andrea

Werter, Teuerste, Oida: über Rede und Anrede

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 48/14 vom 26.11.2014

Liebe, sehr geehrte Frau Andrea!

In dieser Anrede steckt schon meine Frage: "Liebe " ist ja doch etwas intim, wir kennen uns ja gar nicht. "Sehr geehrte " ist reichlich förmlich, wir sind ja nicht beim Finanzamt. Bei vielen Briefen, die geschrieben werden wollen, stehe ich vor diesem Problem. Gibt's da noch irgendwas dazwischen? Hülfe es, in eine andere Sprache auszuweichen? Mit Dank und Grüßen

Brigitte Guschlbauer, Mödling

Liebe Brigitte,

zu den Herausforderungen postmoderner Kommunikation gehört die Einschätzung von Distanzen. Wer ist wer zu mir, wie spreche ich an, und wie lasse ich mich ansprechen? Nicht leicht in Zeiten von Ikea-Du und öffentlichen Handyfonaten.

In den hierarchischen Gesellschaften unserer Eltern und Großeltern war das Feld der Anrede noch einigermaßen bestellt. Nach oben wurde gesiezt, nach unten geduzt, protokollarische Nähe verleitete zum Du, Ferne und Ungewissheit zum Sie. Die Anrede in Briefen folgte diesen Usancen. Sie sollte vor Vertiefung in den Inhalt sicherstellen, dass die Richtigen zur Lektüre eingeladen wurden. Die Anredeformel setzte in größtmöglicher Kürze auch den Ton des Schreibens fest.

Von der reichen Palette an Förmlichkeiten und Direktheiten ist im Deutschen nur mehr die Polarität "Liebe, Lieber" versus "Sehr geehrte, sehr geehrter" übriggeblieben. Schon "geehrte" oder "werte" Angeschriebene gibt es kaum mehr, auch wenig Exzellenzen, Magnifizenzen, Hoch-und Wohlgeborene, Durchlauchten, Hoheiten und Majestäten. Dero Heiligkeiten gibt es nur ganz wenige.

Wie also ansprechen? Im Freundlichkeitsfalle immer so, wie der/die Angesprochene angesprochen werden möchte. Ein Ratespiel, gewiss! Aber liegt hierin nicht auch Raum für unbewusste Botschaften? In Liebes-und Zornesdingen sprechen Sie an, wie Ihr Herz befiehlt. Törichter! Angebetete! Gebieterin! Schändlicher! Oida!

Bei fremdsprachigen Liebesbezichtigungen gilt die Regel: Je romanischer, desto besser; lateinisch nur für Kundige. Poesie behielten wir nur Eingeweihten und Rätselfreunden vor. Kurz zur Adressierpolitik in dieser Kolumne: Die Floskel "Liebe Frau Andrea, " und das Hamburger Sie inszenieren in satirischer Weise eine Anredekultur in der Tradition viktorianischer Kummerkolumnen. Bam!


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