Doris Knecht Selbstversuch

Die sind schon sehr streng, muss man sagen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 48/14 vom 26.11.2014

Aus der Debatte um das Hemd des Wissenschaftlers habe ich mich rausgehalten. Sie wissen schon, der Physiker der Rosetta-Mission, der bei seinem ersten Interview ein Hemd mit so Frauendarstellungen trug. Mich erinnerte das Hemd ein wenig an die frühen Plattencover von Pungent Stench, über die wir damals im sehr viel kleineren Rahmen ähnlich erbittert diskutierten, falls sich wer erinnert: Matt Taylors Hemd war jedenfalls sexistisch, kann man, glaub ich, so sagen.

Die Frage war jetzt, ob das wurscht ist oder nicht, ob quasi der Erfolg der Rosetta-Mission und die fantastische Arbeit des Physikers das sexistische Hemd entschuldigten. Der Physiker entschuldigte sich dann selbst und weinte dabei, das rührte viele Herzen, machte aber auch viele Männer wütend, denn es muss einem Mann etwas sehr Schlimmes widerfahren sein, wenn er öffentlich heult wie ein Mädchen und damit quasi das ganze Geschlecht diskreditiert. Oder so.

Jedenfalls war das eine dieser Debatten, bei denen man es sehr in Ordnung findet, dass sie geführt werden, aber bitte lieber ohne einen selbst. Eine von den Debatten, wo man froh ist, wenn sie andere statt einem, ja für einen führen.

Im Prinzip war diese Debatte ein kleines virales Äquivalent für die gesamte Frauenbewegung seit den 70er-Jahren, für den Feminismus als solchen: Man weiß, dass man letztlich davon profitiert, und das auch gern, macht sich aber ungern selbst die Finger schmutzig.

Ich habe also im Internet die Debatten verfolgt, die Contras und die Pros, die Contra-Pros, die Contra-Contras und die Pro-Pros, vor allem in den US-Debatten. Die jungen Feministinnen in den USA sind sehr streng und sehr entschieden, das muss man sagen. Es ist alles sehr humorlos, sehr besserwisserisch, sehr missionarisch und sehr erbarmungslos.

Und ich bin unglaublich froh darüber und über diese unerbittlichen Frauen. Darüber, dass sie sich nichts mehr gefallen lassen wollen: keine Verniedlichung von Sexismus, keine Witze über Vergewaltigung, kein Vertuschen von sexueller Gewalt, keine Beschönigung von Belästigung auf der Straße, keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, und darüber, dass sie keine Ausnahmen gestatten, weder auf dem Hemd eines großartigen Wissenschaftlers noch in den Biografien von Bill Cosby oder irgendeines anderen Stars.

Ich bin froh, dass sie so kompromisslos sind und so stur. Und dass diese jungen Feministinnen nicht aufgeben, nicht zum Schweigen zu bringen sind, auch nicht von dem Hass, der ihnen in einem beängstigenden Ausmaß im Netz entgegenschlägt, den anonymen Beschimpfungen, den Beleidigungen und den Drohungen. Dieser Hass ist unerträglich, und ich danke an dieser Stelle all jenen Frauen, die es doch ertragen, die nicht heulen, sondern weitermachen, überall auf der Welt, stellvertretend für mich, für meine Töchter, für Ihre und für alle Töchter, und für die Töchter der Hasser.


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