"Mir ist der Mund offen geblieben"

Die Erzähler Chris Lohner und Herbert Steinböck über die schräg-schrille "Rocky Horror Show"

Lexikon | Interview: Lisa Kiss | aus FALTER 48/14 vom 26.11.2014


Foto: Nilz Boehme

Foto: Nilz Boehme

Die „Rocky Horror Show“ erlebte ihre Uraufführung 1975 und machte Richard O’Brien berühmt. Trotz ihrer 40 Jahre hat sie nichts an Ausstrahlung, Lebenslust und Magie verloren. Die Inszenierung von Sam Buntrock im Museumsquartier ist mitreißend, das Ensemble perfekt gecastet, und die Musik lässt auch heute niemanden im Publikum kalt. Nach der Premiere sprach der Falter mit Chris Lohner und Herbert Steinböck, die alternierend in der Rolle des „Erzählers“ im Stück mitwirken.

Falter: Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle als Erzähler vorbereitet?

Chris Lohner: Ich hab die Show damals in den 1970ern in London gesehen, mit Richard O’Brien als Riff Raff. Das ist der Vorzug meines Alters, nicht? Ich wusste damals allerdings nicht, dass ich 40 Jahre später als erste Frau die Erzählerin spielen werde. Ich habe das vor sechs Jahren ja schon gemacht, und jetzt mach ich es wieder, alternierend mit dem Herbert.

Herbert Steinböck: Ich habe eine DVD bekommen und bin dann nach Berlin gefahren, habe mir die Aufführung dort angesehen und einige Proben mitgemacht. Ein großes Lob an diese Truppe, die wirklich alles mitgemacht haben. Die haben sechs Wochen geprobt wie die Viecher, und dann kommt der Lustige aus Wien und sagt: „Geh, kennt ma des vielleicht no amoi proben?“

Wann haben Sie die „Rocky Horror Show“ das erste Mal auf der Bühne gesehen? Wie war das für Sie?

Lohner: Also, mir ist schon a bissl der Mund offen geblieben, muss ich ehrlich sagen. Das war schon sehr ungewöhnlich: Männer in Strapsen und das Herumgevögel, das war ja wirklich nicht das Übliche. Aber es hat mir wahnsinnig gefallen, weil die Musik einfach so toll ist. Was da abgegangen ist an Energie, fand ich großartig.

Steinböck: Das erste Mal vor sechs Jahren und dann noch mal vor drei Jahren hier in Wien. Den Film 1978, da war ich gerade 20 Jahre alt. Das war gerade meine Zeit, meine Musik, und das hat schon Spaß gemacht.

Transsexualität war in den 1970er-Jahren ein Tabuthema. Hat Sie diese schrille, fast brachiale Zurschaustellung von Sexualität damals schockiert?

Lohner: Schockiert? Nein, schon deshalb nicht, weil ich, bevor ich zum ORF kam, viel als Model unterwegs war und viele meiner Kollegen schwul waren. Das war auch meine erste Begegnung mit diesem Thema, als junge Frau. Ich bin anders aufgewachsen, ich war in Amerika in der Schule, und ich bin viel in der Welt herumgegurkt, war in einer ganz anderen Welt zu Hause. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das für den Durchschnittsbürger, schockierend war, ganz sicher!

Steinböck: Als 20-Jähriger, als der Film herauskam, war ich schon überrascht. Das waren schon Dinge, die mich, den wohlerzogenen Buben aus solidem Nachkriegselternhaus, überrascht haben. Als ich die Show dann live gesehen habe, habe ich dann schon gewusst, wo wer was hat.

Wie erklären Sie sich die ungebrochene Begeisterung für diese Show?

Lohner: Es ist sicher die Musik, die mitreißt. Rock ’n’ Roll ist einfach ungebrochen. Also, wenn das irgendjemanden nicht mitreißt, weiß ich nicht, was mit dem ist. Nicht umsonst gibt es noch die Stones, und nicht umsonst ist Elvis immer noch … ein Wahnsinn!

Steinböck: Die Geschichte ist es sicher nicht, weil die ist jetzt nicht so toll. Es sind wunderbare Musikstücke, die Junggebliebenen und mittlerweile auch Jungen gefallen. Diese alten Hardrock-Partien wie Deep Purple oder Led Zeppelin erleben grad ein Revival, weil die wirklich gute Musik gemacht haben. Und auch von der „Rocky Horror Show“ gehst du mit einem Bündel von Musiknummern nach Hause, wo du dir denkst: Wow! Dass die Story dann auch noch schrill und schräg ist und gut zum Anschauen, ist eine zweite Geschichte. Es lebt auch davon, dass das zur Institution geworden ist, dieses ganze Ding, wurscht, wie man das nennen soll – diese eineinhalb Stunden Wahnsinn.

Teil des Spektakels ist auch das Mitsingen und Mittanzen. Würden Sie auch mitmachen?

Lohner: Na klar! Aber wir Wiener brauchen als Publikum immer ein bissl länger. Das ist eine Mentalitätssache. Die Wiener schauen immer, was der andere macht – und wenn’s der macht, dann macht man es auch.

Steinböck: Ich war grad in Köln, natürlich habe ich da mitgemacht! Klar, ist ja lustig! Ich habe, das darf ich eigentlich nicht verraten, auch eine gefüllte Spritzpistole. Also, wenn da einer aus dem Publikum raufspritzt, dann täte ich den Colt ziehen und – pffft, pffft – zurückspritzen.

Museumsquartier, Halle E, bis 14.12.


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