"Der Tod droht ja auch ständig"

Die Wiener Strizzi-Rocker Wanda spielen diese Woche gleich zweimal in ihrer Heimatstadt

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 49/14 vom 03.12.2014


Foto: Flo Senekowitsch/Wolfgang Seehofer

Foto: Flo Senekowitsch/Wolfgang Seehofer

Nach dem Chelsea haben die lokalen Rock-Aufsteiger Wanda auch das Flex umgehend ausverkauft, ihr Debüt „Amore“ stößt auf begeisterte Resonanz. Aber noch klaffen Schein und Sein des Neo-Popstartums auseinander: Sänger Marco Michael Wanda und Ray Weber, der Bassist des Quintetts, leben derzeit ohne eigene Wohnung auf der Couch ihres Keyboarders. Das Gespräch fand aber nicht dort, sondern im Café Leopoldistüberl im zweiten Bezirk statt.

Falter: Darf ich Sie bitten, sich kurz vorzustellen?

Marco Michael Wanda: Ich bin der Sänger und Liederschreiber der Gruppe, ich bin 27 Jahre alt und glaube, dass Wanda eine Art von humanitärem Gedanken zugrunde liegt, den wir seit zwei Jahren zu definieren versuchen. Das hört man der Musik auch an, finde ich. Man hört: Sind das gute Typen?

Christian Hummer: Ich bin 24 Jahre alt und sehr froh, dass ich diese Stelle als Keyboarder gefunden habe und mich diese Band als Keyboarder gefunden hat. Denn was gibt es für einen Musiker Besseres, als in einer super Band zu spielen?

Was ist super an Wanda?

Hummer: Rein bandtechnisch ist da eine Energie zwischen uns, die weit über das Musikmachen hinausgeht. Wie wir miteinander reden, worüber wir reden, wie wir gemeinsam andere Dinge machen als reden: trinken, rauchen, weinen, schreien. Das ist wie eine Beziehung, aber mehr als eine Beziehung. Manchmal sagt man, dass gute Freunde im Leben vor eine Beziehung gehen. Eine Band ist wie eine Beziehung mit guten Freunden.

Die Band ist im Zweifelsfall wichtiger als die Beziehung?

Hummer: Wir haben natürlich keine Beziehungen, weil wir in einer Band sind. Es ist halt Rock ’n’ Roll.

Herr Wanda, Sie nennen den Nino aus Wien als wichtigen Einfluss. Warum?

Wanda: Weil er allen voran gezeigt hat, dass man auf Deutsch wahnsinnig toll schreiben kann. Für mich war es ein mühsamer Prozess, zum Deutschen zu finden, das hat viel Disziplin gebraucht. Ich hatte Angst, dass es kitschig wird.

Wer hat Sie noch inspiriert?

Wanda: Rio Reiser. Der hat ganz gutherzig einfache Dinge gesagt und Worte wie „Liebe“ verwendet, was ich mich noch nicht traue. Deshalb muss ich „Amore“ singen. Durch Literatur habe ich auch gelernt, Ernest Hemingway vor allem. Der meinte einmal, dass er beim Schreiben immer von einem wahrhaftigen Satz ausgeht. Danach ist alles Spiel, Variation und Spaß, aber der erste Satz ist der Gongschlag, in dem alles schwingt. So habe ich meine Texte erweitert. Und wir sind halt Wiener, wir haben eine wahnsinnige Lust an Geschichten.

Wie meinen Sie das?

Wanda: Wien hat einen sehr dankbaren biografischen Rahmen mit vielen interessanten Figuren, an denen wir gerne die ganze Tragik des Weltgeschehens festmachen. Mit meinen Texten will ich keine Thesen aufstellen und nichts hinterfragen. Ich möchte nur sagen, wie es ist, möglichst einfach und wahr. Die Lieder sollen Identifikationspotenzial haben.

Schränkt die Sprache Ihren Wirkungsradius nicht stark ein?

Wanda: Ich höre selbst sehr gerne arabische und afrikanische Musik, und ich bin ein großer Fan von Kino, einer russischen Rockband aus den 80ern. Wenn irgendwas an der Musik wahrhaftig ist, ist sie für alle Menschen verständlich.

Potenziell.

Wanda: Potenziell, ja. Wir hören derzeit skurrile Sachen, dass wir in den deutschen iTunes-Charts im Bereich Indierock auf Platz eins waren etwa, aber was heißt das? Dass das 50 Leute gekauft haben? Oder 5000? Es geht uns nicht unbedingt darum, Deutschland zu erobern. Aber wenn Deutschland uns will, sind wir da. Wenn nicht, ist das plebiszitäre Demokratie, und wir wurden abgelehnt. Passt auch. So oder so saugen wir im Moment wie ein Schwamm alles auf, was passiert, denn wer weiß, wie beschissen es noch wird. Die meisten Rockbandbiografien lesen sich fürchterlich, irgendwann crasht eigentlich immer alles.

Die aktuelle Aufregung um Ihre
Band genießen Sie trotzdem?

Wanda: Wenn man das nicht kann, könnte man auch nicht leben. Der Tod droht ja irgendwie auch ständig. Empfindet man Lust, muss man sie kompromisslos ausleben. Sicher mit einer gewissen Umsicht, aber irgendwann ist es ja aus. Da kommt dann die Arthritis und all das.

Wo sehen Sie Wanda in zwei Jahren?

Wanda: Auf jeden Fall noch in Wien, wie es derzeit aussieht, aber vermutlich gerade auf Tour. Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren eine Wohnung haben, ich und der Bassist. Das wäre schon mal ein ziemlicher Erfolg.

Flex, Fr 21.30 (mit Der Nino aus Wien,
ausverkauft) und Ehemalige Postzentrale,
Do 20.00 (Eintritt frei)


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