Musiktheater Tipp

Lulus amerikanisches Ende als Edelprostituierte

Lexikon | aus FALTER 49/14 vom 03.12.2014

Mit dem männlichen Blick auf Lulu war ich weder in Frank Wedekinds Schauspiel noch bei Berg einverstanden", gab Olga Neuwirth in einem Interview mit der Berliner Zeitung zum Zeitpunkt der Uraufführung an der Komischen Oper Berlin zu Protokoll. Ihre "American Lulu" ist schwarz, zur Diskriminierung als Frau kommt Rassismus hinzu. Lulu, Geschwitz und Schigolch werden zu Afroamerikanern, deren Schicksal vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre erzählt wird. "Ich wollte den Stoff verschärfen, daher habe ich ihn ins New Orleans der 1950er und ins New York der 1970er-Jahre verlegt. Dort erinnert sich Lulu, inzwischen Anfang 50, an ihre Jugend in New Orleans zurück. Diese Rückblende" - die Geschichte von Lulus Männern -"bestreite ich mit dem von mir bearbeiteten und neu instrumentierten ersten und zweiten Akt".

Im komplett neu komponierten dritten Akt lässt Neuwirth in ihrer mit Jazzklängen versetzten Musik nur ein Echo der ursprünglichen Konzeption übrig. In der Hauptrolle ist Marisol Montalvo zu sehen, die mit der Berg'schen Lulu in Paris debütierte und die auch hier die Figur intensiv verkörpert. Die ursprünglich als bedauernswerte lesbische Gräfin dargestellte Geschwitz wird als Bluessängerin Eleanor zur wichtigen Figur, die Lulu liebt, Schön alias Dr. Bloom ohrfeigt, den Lulu dann ermordet, und die sie aus dem Gefängnis befreit. Insbesondere für Eleanor und Clarence (vormals Schigolch) schreibt Neuwirth eine Musik, die mit Elementen afroamerikanischer Stile spielt. Lulu, sie sich mit Blooms Sohn liierte, arbeitet bis zum Ende erfolgreich als Luxuscallgirl, aber in ihrem Spiel nach den Regeln der Männer sterben alle ihre Gefühle ab. Als auch Eleanor sie verlässt, bleibt sie allein den Konsequenzen ihres Berufs ausgeliefert.

HR

Theater an der Wien, So, Di, Do 19.30


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige