Doris Knecht Selbstversuch

Sondern Fehler, die ich bedaure

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 49/14 vom 03.12.2014

Die Frau, die Sie letzte Woche dabei beobachtet haben, wie sie in Anwesenheit zweier Halbwüchsiger ihr Fahrrad an eine unschuldige Hausmauer schleuderte und dabei V-Wörter brüllte (verfickte, verdammte, verschissene Vögelscheiße, derlei), das war ich. Die Leute traten an ihre Fenster, was ist denn da bitte los. Die Mimis verdrehten die Augen, sagten aber später: Na gut, Mutter, auch du darfst einmal einen schlechten Tag haben. Oh ja, den hatte ich. Meine ganze, penibel durchgetaktete Tagesorganisation war an einer winzigen Unebenheit zerschellt. Sorry, Kinder.

Immerhin kann ich sagen, dass ich die Mimis nie geschlagen habe. Das ist ja heutzutage nicht mehr selbstverständlich, wie ich am Sonntag der Presse entnehmen konnte, wo ein Redakteur beschreibt, wie er seinen dreieinhalbjährigen Sohn - dreieinhalb! - regelmäßig züchtigt, wozu meiner Meinung nach auch die Androhung von Gewalt gehört, die er beschreibt: Das Bis-drei-Zählen, bevor was passiert, bevor er das Kind am Ohr zieht oder übers Knie legt, und der Redakteur macht keinen Hehl daraus, dass leere Drohungen für ihn nicht infrage kommen. Mit "guten Worten und etwas Gewalt erreicht man mehr als nur mit guten Worten". Was für ein Schwachsinn. Der Kollege glaubt auch ganz im Ernst, dass er und seine Frau "das alles schon halbwegs richtig machen".

Natürlich passiert es den meisten Eltern (außer den ganz perfekten oder denen mit superniedrigem Blutdruck) im Laufe des Heranwachsens ihrer Kinder das eine oder andere Mal, dass sie völlig überfordert die Nerven verlieren. Ich gestehe hiermit, dass ich in solchen Momenten einmal ein Kind an den Haaren gezogen und einmal eins gezwickt habe. Der Tritt im letzten Sommer, eine Folge heftigen Erschrecktwerdens, wurde hier ja bereits schamvoll gebeugten Hauptes rapportiert. Im Unterschied zum Presse-Kollegen bin ich nämlich nicht stolz darauf, es geschah im Affekt, und ich schämte und entschuldigte mich dafür, mehr als einmal. Ich weiß, dass es nicht richtig war, keine akzeptable Maßnahme, sondern Fehler, die ich bedaure.

Apropos Pädagogik-Gewissensfragen: Nie stellen sie sich aufdringlicher als kurz vor Weihnachten. Konsole ja oder nein, und wenn ja, ab welchem Alter, fragte eine Freundin, Mutter eines Siebenjährigen, auf Facebook. Und setzte damit bei den Erziehungsberechtigten unter ihren Freunden enorme Energien frei, die stark zwischen strikter Ablehnung und vollkommener Akzeptanz pendelten: Kinder dürfen das Spielen und Sichlangweilen nicht verlernen, Kinder müssen den Umgang mit neuen Medien einsaugen wie Muttermilch.

Nein, fragen Sie nicht mich! Ich weiß die Antwort nicht. Ich habe beides probiert, mitunter gleichzeitig, so viel zu meinem konsequenten Erziehungsstil. Erst gestern wieder wurden - end!gül!tig!!!!- die Smartphones einkassiert. Immerhin geschah es dezibelschwach, und es kamen keine V-Wörter zum Einsatz, ich bin fast ein bissl stolz.


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