Ein Tagebuch in Fußnoten

Jonathan Franzen nähert sich Karl Kraus sympathisch und problematisch


Rezension: Armin Thurnher
Feuilleton | aus FALTER 49/14 vom 03.12.2014

Wozu eine Übersetzung, fragten manche, als das Buch auf Englisch erschienen war. Die beiden Kraus-Texte "Heine und die Folgen" und "Nestroy und die Nachwelt", die Jonathan Franzen bereits als Student ins Englische übertragen hatte, konnten ja im deutschen Original erscheinen. Zu übersetzen waren nur die Fußnoten, von Franzen selbst, von dessen Romancierkollegen Daniel Kehlmann und vom Kraus-Spezialisten Paul Reitter. Aber diese Fußnoten waren, wie sich herausstellt, die Hauptsache.

Franzen, einer der erfolgreichsten und angesehensten Romanautoren der Gegenwart, nutzt Kraus für ein literarisches und mediales Statement. Das liest sich mitunter persönlich und erfrischend wie ein Tagebucheintrag. Zu Beispiel, wenn Franzen seine Kollegen John Updike und Philip Roth als "Arschloch" qualifiziert. Roth sei "überdeutlich" und habe als Prosaschriftsteller "viele eklatante technische Mängel". Updike vergleiche seine literarische Produktion mit seiner Verdauung, mit der regelmäßigen Ausscheidung

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