Die komprimierte Katastrophe. Die Letzten Tage der Menschheit, gezeichnet

Feuilleton | AT | aus FALTER 49/14 vom 03.12.2014

Daniel Jokesch ist studierter Jurist und Comiczeichner. Er zeichnet für die Wiener Zeitung und die Tiroler Tageszeitung. Daneben arbeitet er als Lektor, unter anderem für den Falter Verlag. Das Studium der Rechte schadet bei der Auseinandersetzung mit Karl Kraus nicht, denn es gibt kaum einen Autor, dessen Verfahrensweise der eines Gerichts näher verwandt wäre, aber auch keinen, der die Gerichtsbarkeit seiner Zeit schonungsloser kritisierte.

Nun hat Jokesch seine zeichnerische Version von Karl Kraus' großem Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit" vor gelegt. Aus dem Buch stammt auch die Illustration oben auf dieser Seite.

Jokeschs Kraus-Version ist keine Graphic Novel. Es gibt auch solche Versionen der "Letzten Tage", aber sie leiden oft unter zu großer Detailgenauigkeit, sie leben vom Stoff, wie Kraus gesagt hätte. Jokesch wählt einen anderen Weg. "Karl Kraus hatte die Aufführung seines Dramas in voller Länge einem Marstheater zugedacht und auf etwa zehn Abende geschätzt", schreibt er im Nachwort. Das Drama zu zeichnen, "würde dementsprechend wohl etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen und steht auf der To-do-Liste für das nächste Leben; hier wurde jedoch radikal gekürzt."

Der Zeichner hat damit eine weise Entscheidung getroffen. Denn in der entstehenden Abstraktion und Verknappung kommt die Schärfe der Anklage stärker zur Geltung als in der Opulenz einer Bilderflut. Jokesch gelingen gerade deswegen starke Bilder, weil er karg bleibt. Die Szenen sind im Anhang dem Drama zugeordnet, man kann sie also nachlesen. Die Stimme des Autors aber bekommt in der Handschrift des Zeichners eine eigenartige Dringlichkeit. Ein schönes Buch.


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