Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste Brauch der Welt der Woche

Alle Jahre wieder: der Ring of Fire

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 49/14 vom 03.12.2014

Religiöse Bräuche sind etwas in Verruf geraten. Der heilige Nikolaus gilt mit seinem erhobenen Zeigefinger als Inbegriff der schwarzen Pädagogik. Den Feiertag des 8. Dezember gäbe es wohl schon lange nicht mehr, wenn die Leute wüssten, dass an diesem Tag die "unbefleckte Empfängnis" zelebriert wird. Im Prater heißt der Weihnachtsmarkt inzwischen Wintermarkt, wohl auch mit Rücksicht auf jene, die auf einen anderen Erlöser warten.

Nennen wir den Adventkranz daher einfach "Feuerkranz." Wie er dasteht auf dem Frühstückstisch, nach Fichtenzweigen duftend und ein warmes Kerzenlicht abstrahlend, stimuliert er jene Hirnteile, die mit der Weiterleitung des Gute-Stube-Reizes beauftragt sind. Anders als das dekadente Ritual des weihnachtlichen Konsumexzesses steht der Kranz für die hohe Kunst des Aufschubs. Jeden Adventsonntag zündet der Kranzler eine weitere der vier Kerzen an. Wer glaubt, dann würde etwas Besonderes passieren, irrt. Nicht der Gabentisch ist die Erfüllung, sondern der Weg dahin. Wenn die Vorfreude die eigentliche Bescherung ist, dann ist der Feuerkranz Weihnachten. Damit nichts schiefgeht, sollten einige Dinge beachtet werden. Die idealen Kerzen sind die roten schmalen, denn die blauen wurden von den Nazis zweckentfremdet. Alle Mascherln und Sterne sind verboten, denn sie verdecken das Fichtengrün. Die Natur ist Ornaments genug.

Es macht Spaß, ein paar Nadeln in die Flammen zu stecken; der Rauch riecht so gut. Da sollte der Kranz allerdings in der Nähe eines Fensters stehen, damit man ihn im Bedarfsfall rauswerfen kann. Bevor Sie den Ring of Fire aber auf die Straße schmeißen, sollten Sie darauf achten, dass nicht zufällig ein Weihnachtsmann um die Ecke biegt. Die Zeit der Hexenverbrennungen ist vorbei.


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