Tiere

Grauzone

Falters Zoo | aus FALTER 50/14 vom 10.12.2014


Wer Tiere liebt, der füttert sie auch gerne. Das stößt in einer misanthropischen Stadt wie Wien meist auf energischen Widerstand. Denn die auf diese Weise angelockten Lebewesen haaren, koten, lärmen, rülpsen und haben nach Meinung querulierender Bürger in der Nähe von menschlichen Ansiedlungen nichts verloren. Der Kampfhandlungen verheißende Ruf „Wer Vögel füttert, füttert Ratten!“ ist Stadtbewohnern wohlvertraut. Neu ist aber die Variation „Wer rote Eichhörnchen füttert, der füttert auch graue!“. Seitdem über England im 19. Jahrhundert das amerikanische Graue Eichhörnchen nach Europa gelangt ist, gibt es ganz seltsame Diskussionen über diese Einwanderer. Obwohl sie sich genauso verhalten wie die heimische Art, wird ihnen das zur Last gelegt, was der Boulevard allen Immigranten vorhält: Sie verbreiten Krankheiten, fressen uns die Nahrung weg und verdrängen durch höhere Geburtenraten die Ortsansässigen. Prinz Charles hat heuer dazu sogar einen pathetischen „squirrel accord“ (Eichhörnchen-Beschluss) gefasst, in dem er seinen Wunsch kundtat, alle Grauen Eichhörnchen aus seinem Königreich zu vertreiben, „so to save our much loved native red squirrels“. Konservative und konservierende Weltanschauung im Pelz des Naturschutzes. Wie könnten die „gezielten und anhaltenden Aktionen“ gegen die grauen Nager denn aussehen? Jäger, die manchmal schon an Wildschweinen vorbeischießen, sollen flinke, kleine Tiere in den Baumkronen treffen? Das klingt bei ca. fünf Millionen Tieren in Großbritannien nach viel Arbeit und noch mehr Schrotflintenmassaker in den Wäldern.

Charles Kinnoull, Vorsitzender des „Red Squirrel Survival Trust“, hat eine bessere Idee. Er will die Grauen anködern und in Käfigen fangen. Abgesehen davon, dass auch die roten Nager in die Falle gehen, was passiert dann? Kinnoull: „Wir werden sie menschenwürdig entsorgen.“ Schönes Beispiel für eine Formulierung aus zwei sich gegenseitig ausschließenden Begriffen.

Man könnte natürlich auch die Roten gegen das mit den Grauen eingeschleppte Pockenvirus impfen. Genauso wie man bei uns Füchse gegen Tollwut immunisiert hat und daher nicht auszurotten braucht. Auch ließe sich der Konkurrenzdruck bei der Nahrungsbeschaffung durch Aufforsten von nüssetragenden Sträuchern und Bäumen verringern.

Oder auch sie einfach im Winter füttern und sich an ihrem quirligen Wesen erfreuen.


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