Kunst Kritik

Ein Frankfurter Würstel unterm Christbaum

Lexikon | NS | aus FALTER 50/14 vom 10.12.2014

Schon mit seinem Ausstellungstitel "dosen, casetten, zeugs" erweist sich Manfred Pernice derzeit in der Galerie nächst St. Stephan wieder als Tiefstapler, von dem man Skulpturen aus Holzlatten, leeren Verpackungen und Kitsch kennt -"Zeugs" also, das er zum Sprechen bringt. Den ersten Eindruck dominieren Pernices bekannte "Dosen", bunt bemalte Holzzylinder, die einmal wie dicke Säulen, einmal wie Hocker aussehen und nun - im Gegensatz zu früher - auch Öffnungen haben.

Im Eck wartet jedoch eine Überraschung: Ein Christbaum, sein Körper aus Metallgerüst und geschmückt mit Ketten aus zerschnittenen Bierdosen, der vor rot-grüner Wandbemalung beinah etwas Rührendes hat. Der Künstler führt aber mit Textausschnitten in eine andere Epoche. An der Wand sind zwei Briefe des Bildhauers Georg Kolbe vom Dezember 1914 zu lesen, wo er über die Feldpilotenprüfung ebenso schreibt wie über seine Skulptur "Somal-Neger". Auf beiläufige Weise wirft Pernices Baum-Text-Kombi Fragen zur Kunst in Kriegszeiten auf, ebenso wie zur Kontinuität der Kunstgeschichte, in der Kolbes Naturalismus heute wenig interessiert.

Pernice arbeitet gern seriell, wie auch seine neuen "cassetten" belegen. Es handelt sich um graue Metallboxen an der Wand, in denen er hinter Glas Kunstpostkarten, Presseschnipsel, Servietten mit Engerl darauf oder auch ein verpacktes Frankfurter Würstel ausstellt. Die Bedeutungsebene wird hier verleugnet, banalisiert und verspottet, wenn etwa das Zeitungsfoto eines Waldstücks mit "Erleuchtung" übertitelt wird. Skurril, aber nicht ohne Stimmung ist der letzte Part der Schau: Mit mehreren Fahrrädern und Spielzeug inszeniert Pernice einen Raum als alltagsnahen Mix aus Werkstatt oder Lager, in dem die große Holzcassette "Die v. Stadt" wie ein ausziehbarer Gebrauchsartikel daherkommt.

Galerie nächst St. Stephan, bis 22.1.


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