Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

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Falter & Meinung | AT | aus FALTER 50/14 vom 10.12.2014

Die Kommentare drehten sich um "unkorrektes" und "korrektes" Sprechen in der Öffentlichkeit. Alfred Hrdlicka, Schöpfer des Mahnmals gegen Krieg und Faschismus, hatte seinem Kritiker Wolf Biermann in der Zeitung Neues Deutschland empört entgegengeschleudert, er wünsche ihm "die Nürnberger Rassengesetze an den Hals" und hinzugefügt, "du angepasster Trottel".

Die Falter-Kulturredaktion hatte anstelle des Kulturkommentars eine mit "die Falter-Redaktion" unterzeichnete Petition veröffentlicht. Darin forderte sie "Ihre Entschuldigung, Herr Hrdlicka!" und schrieb so Sachen wie: "Wenn Henryk M. Broder diese Woche im Profil fordert, (dessen Mahnmal gegen Krieg und Faschismus) müsse entfernt werden, dann ist dem kaum etwas entgegenzusetzen." Am Falter-Chefredakteur just in dieser Woche auf Urlaub -war diese Petition vorbeigegangen, er las sie verblüfft nach seiner Rückkehr im Blatt.

Hrdlicka erwies sich naturgemäß als ebenso intransigent wie heutzutage der Herausgeber dieses Blattes; je lauter man ihn aufforderte, sich zu entschuldigen, desto unschuldiger fühlt er sich. Es wurde eine Debatte daraus, wie es sie heutzutage nicht mehr gibt.

Die schnellen Nadelstichschwärme der Social Media lassen ja sofort wieder nach, während damals die großen Hämmer geschwungen wurden. Henryk M. Broder erklärte Hrdlicka zum linken Nazi, Burger schlug im Standard zurück und nahm Hrdlicka in Schutz, wobei naturgemäß auch der Falter sein Horst-Wessel-Fett abbekam: "Die gesamte Falter-Redaktion, die einst geschlossen hinter Hrdlickas Pferdchen marschierte, stimmt jetzt ebenso geschlossen in den Chor der Verfolger ein und wiederholt Broders Verleumdung: Hrdlicka ist ein Nazi."

War er natürlich nicht, er war einfach viel zu weit gegangen. Aber die Mechanik solcher Debatten lässt für Feinheiten keinen Platz. Ich blieb dabei: "Hrdlicka hat es gewiss nicht antisemitisch GEMEINT, da hat Burger recht. Aber er hat es antisemitisch GESAGT." Es ist oft recht einfach, mehr zu sagen, als man will.


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