Selbstversuch

Wer Videospiel sagt, hat schon verloren

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 50/14 vom 10.12.2014

Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es nicht in der Job-Description als Erziehungsberechtigte von Teenagern vorgeschrieben ist, dass man seine Kinder und deren Interessen irgendwann einfach nicht mehr verstehen darf. So in Paragraf dings, gleich hinter der verpflichtenden Versorgung mit Adventkalendern bis ins hohe Alter und dem Servierverbot von kohlartigen Vegetabilien und noch vor dem Grundrecht auf alle Folgen von "Austria's Next Topmodel", bis zum bitteren Finale. (Danke, Gott, dass auch diese Staffel vorbei ist. Es war ein sehr schweres Kreuz.)

Denn ich muss noch einmal auf diesen Facebook-Thread jener Freundin zurückkommen, die kürzlich ihren Freunden die Konsolenfrage stellte, ihren eigenen Siebenjährigen betreffend, und auf die überaus diversen und gegensätzlichen Antworten darauf. Eine der Antworten von einem außerordentlich videospielaffinen Freund (ich weiß: Wer immer noch "Videospiel" sagt, hat schon verloren) war ein nicht wenig sarkastischer Kommentar, dass ganz offensichtlich die Generation X die Generation Y nicht mehr verstehe, "trotz empirischem Wissen. Ignorant und stolz darauf", schrieb er, "nichts Neues".

Nichts Neues, eh, aber eben. Ist es wirklich Ignorantentum, wenn wir alten Säcke die Youtuber- und Youtuberinnen-Leidenschaft unserer Kinder nicht mehr zu verstehen versuchen, sondern eben gerade Verständnis dafür haben, dass die Interessen der Nachkommen sich nicht zwingend mehr mit denen ihrer alten Eltern decken? Also einfach ein Freiraum, den wir ihnen lassen, eine Welt, die quasi nur ihnen allein vorbehalten ist, in die ihre Eltern nicht ständig mit pseudojuvenilem Bestemm und beladen mit den schlecht verborgenen Ängsten vor ihrem eigenen Älterwerden hineintaumeln, indem sie unbedingt versuchen müssen, sich für all das, was ihre Kinder da schauen, lieben und machen, zu interessieren und zu begeistern?

Tut man den Kindern nicht viel eher einen Gefallen damit, wenn man sie mit ihrem eigenen Verständnis von Pop in Frieden lässt und sagt: Sorry, ich Bob Dylan und LCD-Soundsystem und Ryan Adams und "The Leftovers" und Bücher und so altmodisches Zeug, du Taddl und Ungespielt und LeFloyd und Instagram und Bibis Beautypalace oder wie das alles heißt, viel Spaß damit? (Jedenfalls in der halben Stunde am Tag, in der Smartphonebenutzungserlaubnis erteilt ist.) Und ich brauch's gar nicht so genau zu wissen, sondern lese inzwischen endlich "Eine vorläufige Theorie der Liebe" weiter? Das ist übrigens ein Roman.

Lässt sich natürlich wieder nicht verallgemeinern. Muss man auch gar nicht. Hier glaube ich an eine gesunde Diversität von Erziehungsstilen, im Unterschied zur Frage "Gewalt in der Erziehung, ja oder nein". Profil nannte die Entrüstung darüber ernsthaft eine "Fatwa", ich halte mich mehr an Lena D., die das auf Facebook eher als "Furzföhn" betitelt sehen wollte. Und nein, ich spiel gar nicht mit Facebook rum, Kinder, das ist Arbeit, ja, doch.


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