Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste Retro-Spaß der Welt der Woche

"Gib doch zu, dass ich klüger bin als du!"

Feuilleton | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 50/14 vom 10.12.2014

Die Kaufimpulse im Second-Hand-Plattengeschäft sind in aller Regel nostalgischer Natur: Man erwirbt Platten, die man irgendwann einmal hatte (oder gern gehabt hätte), und wenn man sie dann auflegt, hört man meist hauptsächlich die Zeit, die inzwischen vergangen ist.

Diesmal ist es anders: Das erste Album von Otto Waalkes, das für viele Halbwüchsige in den 70er-Jahren der Einstieg in die Welt des Erwachsenenhumors war, klingt auch mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung so herrlich blöd und unendlich verspielt, wie man es in Erinnerung hatte. Und es ist immer noch saukomisch.

Die "live im Audimax" mitgeschnittene Platte ist eine atemlose Mischung aus Wortwitz und Musikerparodie. Der 24-jährige Otto covert mit Brummbass den damals aktuellen Lee-Marvin-Hit "Wand'rin' Star", aus der The-Who-Rockoper wird "Tommy, die Weihnachtgans" ("See me, feel me, kill me, grill me"), und mit seiner Version von Gilbert Becauds Chanson "L'important c'est la rose" schafft es Otto sogar auf Französisch, das Publikum zu Lachstürmen zu bewegen.

Zwischen Schüttelreimen ("Er würgte eine Klapperschlang, bis ihre Klappe schlapper klang") und allerlei Schweinkram rezitiert Otto ein Gedicht des großen Robert Gernhardt: "Lieber Gott, gib doch zu, dass ich klüger bin als du!" Für Gernhardt und andere Satiriker der "Neuen Frankfurter Schule" war Otto damals ein extrem populäres Sprachrohr.

Dass das Album 500.000 Mal verkauft wurde und Nr. eins in den Charts war, ist heute unvorstellbar. Auch die Parodie auf Goethes "Erlkönig" würde wohl nicht mehr funktionieren, weil keiner mehr das Original kennt. Das ist doch einmal ein gutes Argument für die Klassikerpflege im Deutschunterricht: Nicht für die Schule, für die alten Otto-Platten lernen wir!


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