"Ich mache keine Musik für Hipster"

Der Elektroniker Dorian Concept feiert mit der Jazzwerkstatt im Brut zehn Jahre auf der Bühne

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 50/14 vom 10.12.2014


Dorian Concept (vorne Mitte), umgeben von Musikern der Jazzwerkstatt Wien (Foto: Rania Moslam)

Dorian Concept (vorne Mitte), umgeben von Musikern der Jazzwerkstatt Wien (Foto: Rania Moslam)

Unter dem Namen Dorian Concept ist Oliver Johnson, 30, einer der gegenwärtig erfolgreichsten Popexportartikel des Landes. Der Wiener Keyboarder und Produzent mit dem amerikanischen Vater ist für elektronische Musik bekannt. Sein Jazzfaible lebte er aber nicht nur an der Fachhochschule Salzburg aus, wo er den Multimedialehrgang mit einer Diplomarbeit über Improvisation als kompositorisches Mittel geschrieben hat. Das zehnjährige Jubiläum als Dorian Concept feiert Johnson unter dem Motto „We share a decade“ mit der Jazzwerkstatt Wien im Brut, in Triobesetzung präsentiert er dabei sein neues Album „Joined Ends“.

Falter: Was verbindet den Elektronikmusiker Dorian Concept mit der Jazzwerkstatt Wien?

Dorian Concept: Der künstlerische Austausch, der gegenseitige Respekt und die freundschaftliche Nähe. Für das Konzert im Brut planen wir, dass sie zehn Stücke aus zehn Jahren Dorian Concept spielen. Clemens Wenger von der Jazzwerkstatt kenne ich lustigerweise schon viel länger, auch wenn er sich kaum daran erinnern kann.

Wie das?

Concept: Mit 17 war ich mit meinem Sopransaxofon einmal in Scheibbs bei einem Jazz-Sommerlager. Er auch, aber nach einem halben Jahr Saxofon spielen war ich so schlecht, dass ich in einer Gruppe mit lauter 40-jährigen Hausfrauen und einem Reggae-Typen gelandet bin, während er schon ein toller Musiker war. Kein Wunder, dass ich mich besser an mein erstes Treffen mit Clemens Wenger erinnern kann als umgekehrt.

Sie kamen aber nicht als Jazzer auf die Welt, oder?

Concept: Als angehender Teenager bin ich mit den Hip-Hop-Kids abgehangen, aber es war mir schon damals zu peinlich, die zugehörigen Hosen zu kaufen. Hip-Hop war auch meine erste bewusste Musikentscheidung. Das war so: Wow, ich will mehr davon hören und mich mit dieser Kultur auseinandersetzen. Ich war schon ein Hip-Hop-Kid, und tief drin habe ich das immer noch. Nur wenige Musikrichtungen sind so facettenreich und über einen so langen Zeitraum relevant wie Hip-Hop.

Wie kommt das Hip-Hop-Kid zum Jazz?

Concept: Ich habe gemerkt, wo die Samples herkommen, dadurch hat sich eine ganze Welt aufgetan. Ich war ein großer Fan der britischen Band Cinematic Orchestra, die hatten ein Album, wo das zentrale Sample sogar zu Beginn jeder Nummer ausgestellt war. Ihrem Saxofonisten habe ich in einem Fanmail nach seinen Einflüssen gefragt. Er hat mich dann auf „Live at Birdland“ hingewiesen, die bis heute eine meiner Lieblingsplatten von John Coltrane ist.

Und dann haben Sie sich als Teenager mit dem Jazz der 1960er beschäftigt?

Concept: Mit 16 habe ich mir ein Saxofon gekauft und zu Coltrane-Platten zu spielen begonnen. Am Klavier habe ich dasselbe gemacht. Im einzigen Buch, das ich zum Thema Jazztheorie gelesen habe, fand sich die Dorian Scale, eine der sieben Kirchentonleitern, meine erste eigene Improvisation habe ich dann unter dem Dateinamen „Dorian Concept“ gespeichert. Das sind so die Wurzeln meiner Arbeit. Im Prinzip steckt in jeder Musik, die mich in den vergangenen 15 Jahren begeistert hat, das pumpende Jazzherz der 60er- und 70er-Jahre. Wobei mir der Jazz im Hip-Hop oft besser gefällt als im Jazz selbst.

Tatsächlich gilt Jazz heute nicht eben als sexieste Musik der Welt.

Concept: Es war für mich mit 18, 19 eh komisch, in den Extraplatte-Laden zu gehen und nach Free-Jazz-Platten zu fragen oder bei einem Improvisationskonzert im Miles Smiles unter lauter 50-Jährigen zu stehen – und danach zu einer Jungle-Veranstaltung in die Fluc Mensa zu gehen. Wenn etwas nicht gut dasteht, aber eigentlich gut ist, wirst du mit einer authentischen und ehrlichen Fanbase konfrontiert, finde ich. Das sind keine Leute, die hingehen, weil es irgendwelche Magazine für gut befinden, sondern die sind wirklich wegen der Musik da. Ein Publikum, das nur kommt, weil etwas als trendig und cool gilt, hat mich nie interessiert.

Der oberflächliche Hipster ist
Ihnen als Hörer also suspekt?

Concept: Hm, vielleicht bin ich selbst ja auch ein Hipster? Nur würde ich mit meiner Musik nie auf ein bestimmtes Publikum, eine bestimmte Gruppe abzielen, die in ihrer Selbstidentifikation nur für dem Moment existiert. Ich will Musik für Menschen machen, die wissen, warum sie diese bestimmte Musik hören. Was jetzt natürlich nicht heißt, dass man sich zwanghaft damit auseinandergesetzt haben muss. Ich persönlich finde es aber immer schön, Musiker in ihrer Gesamtentwicklung zu verfolgen. Das kann man zwar von niemanden verlangen, aber ich mache auf jeden Fall keine Musik für Hipster.

„We share a decade“ mit Dorian Concept Trio,
Cid Rim, Jazzwerkstatt Wien und Wandl:
Brut im Künstlerhaus, Sa 21.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige