Die Riesenschnitzel-Antithese

Familie Figlmüller hat wieder ein neues Lokal - kein Schnitzellokal!

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 51/14 vom 17.12.2014


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Dass es im Vorfeld Befürchtungen gab, erschien nicht ganz unbegründet: Im ehemaligen Warenhaus Orendi eröffnete 2008 ja der eher sinnlose Edel-Panasiate „Little Buddha“, ging bald wieder ein, das Haus stand lange leer, bis bekannt wurde, dass die Figlmüllers übernehmen und den Keller an die Lederhosen-Disco „Bettelalm“ verpachten würden. Riesenschnitzel, „Auf da Alm, da gibt’s ka Sünd“ und Buddha-Sushi, die Fantasie zeichnete grausame Bilder …

Kam dann aber eh alles ganz anders. Schließlich bewiesen die Jung-Figlmüllers schon mit ihrem figls (Bierlokal) in Grinzing und ihrem Joma (Brasserie-Café) am Hohen Markt, dass ihnen durchaus daran liegt, das von ihren Ahnen geprägte Bild des rustikalen Schnitzellokals ein wenig auszudehnen.

Wofür sie sich auch diesmal wieder den Architekten Gregor Eichinger holten, der sich ja bekanntermaßen ganz gern den Kopf über Atmosphären als solches zerbricht. Und der griff ordentlich in den Stadtgasthaus-Zitate-Topf: so zum Beispiel die Resopaltische (deren kariertes Muster man der Banderole der kubanischen Zigarre Cohiba entlieh), der Linoleumboden, die stilisierten Raumtrenner, die Eichenholz-Lambris mit integrierten Mantelhaken, die Bierschwemme, die Schank und dann vor allem das optisch prägende Element des Lugeck-Lokals – die Kacheln an der Wand, die beim kultigen Töpfemacher Riess emailliert wurden. Erinnert ans Hansy beim Praterstern oder an den ehemaligen Smutny in der Elisabethstraße. Aber alles sehr unkitschig, sehr gut.

Spannend natürlich auch, wie die jungen Figlmüllers eine Speisekarte ihres Lokals unmittelbar neben ihren zwei Schnitzel-Outlets anlegen. „Anders“, erklären Hans und Thomas Figlmüller, denn am Lugeck hoffen sie auf einen Gastgarten, den Figlmüller I und II nicht haben, was bei ähnlichem Angebot sommers zweifellos zur Kannibalisierung führen würde. Also: ein bisschen international, ein bisschen wienerisch, ein bisschen Szene, ein bisschen grün. Das gebackene Kalbsbries (€ 13,50) steht neben dem „Wirtshaus-Burger“ und einer Kombination aus gebratener Blunze, Bratapfel und Erdäpfelpüree. Hier mit Blutwurst vom Blunzen-Gott Dormayer aus Langenzersdorf und ziemlich wohlschmeckend (€ 9,80). Tafelspitz und Beinfleisch aus dem Riess-Topf mit Semmelkren tadellos (€ 17,50), das ausgelöste Backhendl mit Rahmgurkensalat vielleicht etwas mickrig, aber gut paniert und dank Buttermilchmarinade schön saftig (€ 12,50). Und wem das alles zu Mainstream ist, der kann auch Schweinsrücken vom Porc noir de Bigorre aus der Buckligen Welt bekommen, das ist wirklich was Besonderes. Apropos: Die Liste der Craft-Beers kann sich sehen lassen, die Weinkarte besteht fast nur aus Vertretern der „Natural Wine“-Szene, Michael Wenzels Furmint gibt’s sogar glasweise. Alle Achtung! Manchmal kommt es besser, als man glaubt.

Resümee:

Das Stadtgasthaus des Jahres 2014 – mit Wiener Küche genauso wie modernen Salaten, mit Craft-Beer und Natural Wine.

Lugeck
1., Lugeck 4
Tel. 01/512 50 60
tägl. 11.30–24 Uhr
www.lugeck.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige