Selbstversuch

Ich brauche nur zuerst einen Kaffee

Doris Knecht ist gleich so weit

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 51/14 vom 17.12.2014

Heute spät dran, Entschuldigung. Blutabnahmebedingter Kaffeeentzug, mit all seinen gruseligen Folgen. Man hat sich eh am Abend alles hergerichtet wie eine Schnitzeljagd für Zweijährige, alles ganz simpel, eine Station nach der anderen, mit kleinen neonpinken Post-its mit Pfeilen und Hinweisen auf die nächste Aktion, weil man leider einen Blutdruck hat, der bewirkt, dass man vergisst, sich einen Kaffee zu kochen, wenn man nicht zuerst einen Kaffee hatte. Wer mich also unkoffeiniert in ein Labor schickt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Meine Telefonnummer, doch, ich habe eine, irgendwas mit Nullsechs am Anfang, und ja, der blasse Teenager gehört zu mir und hat einen Namen, aber fragen Sie mich jetzt nicht.

Sicherheitshalber hatte ich mir schon am Abend davor die Mokkakanne so hergerichtet, dass ich wenigstens nach meiner Heimkehr aus dem Labor mit ein paar weiteren Postits direkt darauf zugeführt wurde, ein kleines Post-it an der Kanne machte mich zudem darauf aufmerksam, dass sich darunter ein Hitzefeld befindet, das sich mithilfe der davor angebrachten Digitalsteuerung erhitzt, welche folgendermaßen zu bedienen ist, zuerst, dann.

Das alles geschah, man goss schließlich dampfenden Kaffee in eine neben dem Herd schon bereitstehende Tasse, in der sich schon etwas Milch befand, man trank in kleinen, hastigen Schlucken, und jeden Moment müsste das Dings, wie heißt es nochmal, jetzt dann zu wirken beginnen. Koffein, genau, und ja, langsam fährt es ein. Da fällt mir ein, ich hatte auch noch Haferflocken auf dem Herd, das erklärt jetzt auch den Brandgeruch.

Ich habe mir jetzt für 2015 auch wieder einen guten alten Papierkalender gekauft, eine nicht zu kleine Taschenagenda mit knallrotem Schutzumschlag, auf dass man sie in kleinwohnungsformatigen Handtaschen leichter finde, und neben jeder Woche gibt es eine leere Seite für Notizen. (Man hätte es selber nicht besser erfinden können.) Zu viele Termine wurden im Vierzehnerjahr übersehen, zu viele Dinge vergessen, weil man in diesem Smartphone-Kalender nicht blättern und nicht sofort kleine Notizen machen kann und weil man vor allem erst die Brille aus der Kleinwohnung graben muss, um sich überhaupt in die Lage zu versetzen, das Smartphone zu bedienen. Also, falls man es gefunden hat, in der Monstertasche.

Das rote Buch ist nun schon seit zwei Wochen in Verwendung und machte, dass man schon jetzt nicht vergaß, des Bibliothekars Anweisung zu befolgen und endlich Franz Michael Felders "Aus meinem Leben" zu erwerben und der Lektüre zuzuführen. In der großartigen Lebenschronik des 1839 geborenen Bregenzerwälder Bauern und Schriftstellers fand sich dann gänzlich unerwarteterweise eine pointierte Zusammenfassung aus meinem Leben: "Sogar selbsterlebte Widerwärtigkeiten berührten mich jetzt weit weniger schmerzlich, weil sich gerade daraus am leichtesten etwas recht Lustiges machen ließ." Ja, mich auch.


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