Film Neu im Kino

Reise verlorener Seelen: "The Homesman"

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 51/14 vom 17.12.2014

Wenn die Menschen reden, dann über den Tod oder die Steuern. Aber wenn es um Verrückte geht, sind sie schön still." Geredet wird in diesem Film tatsächlich eher wenig, denn meistens wissen alle, was zu tun ist mit den Verrückten. Also werden die drei Frauen, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Nebraska den Verstand verloren haben, weil sie die Gegend, ihre Männer oder beides nicht länger ausgehalten haben, zurück in den Osten, in die sogenannte Zivilisation, gekarrt. Der vergitterte Wagen schaut aus wie ein Gefangenentransport, den sogar die Indianer skeptisch beäugen, und dass es ausgerechnet eine resolute Farmerin namens Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) ist, die hier buchstäblich die Zügel in der Hand hat, macht den Tross noch seltsamer.

"The Homesman", die zweite Regiearbeit von Tommy Lee Jones, der sich in der Rolle des gesetzlosen Deserteurs Briggs der Frauenkarawane anschließt, ist schon deshalb ein moderner Western, weil er kein solcher sein will. Wie schon Kelly Reichardts "Meek's Cutoff" erzählt auch "The Homesman" - basierend auf dem 1988 erschienenen Roman von Glendon Swarthout ("The Shootist") - von einer Reise verlorener Seelen auf dem falschen Weg in die falsche Richtung. Viel mehr als für den Wahn der Frauen interessiert sich der Film denn auch für die physische Anstrengung dieser Reise, für den kalten Nordwind und die verdorrten Ebenen, für einsame Kindergräber mitten in der Prärie und für zerzauste Haare. Und so wirken auch die Figuren - angefangen beim schnauzbärtigen Alten, den Tommy Lee Jones einigermaßen exaltiert anlegt - ungeachtet ihres geistigen Zustands wie Fremdkörper in dieser Landschaft. Wer hier nicht wahnsinnig ist, hat gute Chancen, es zu werden, und was der nächste Tag bringen wird, weiß niemand. Gnade und Erlösung heißen hier jedenfalls nur die Pferde.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv, OF im Artis)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige