Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Glücksspiel: Milliardenkonzern fürchtet um seine Millionen

Politik | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014

Der Gang ist eng, der Warteraum klein. Hier in der Siebenbrunnengasse, die in die Spielautomaten durchflutete Reinprechtsdorfer Straße mündet, befindet sich die Spielsuchthilfe. Der Unternehmer Wilhelm Gizicki gründete sie 1982, nachdem sein Suizidversuch gescheitert war. Die Spielsucht hatte ihn und seine Firma in den Ruin getrieben.

Die Spielsuchthilfe führt die wohl aussagekräftigste Statistik über Spielsucht in Österreich. "Die am häufigsten bei den Betreuten vorkommende problembehaftete Glücksspielart sind mit über 80 Prozent die (Geldspiel-)Automaten", steht in der Jahresstatistik 2012. Kurzum, das kleine Glücksspiel ist das größte Übel. Im Herbst hat die Stadt Wien es gesetzlich verboten. Nun setzt ein österreichischer Konzern alle Hebel in Bewegung, um gegen dieses Verbot anzukämpfen: die Novomatic, deren Eigentümer Johann Graf durch das kleine Glücksspiel zum Milliardär wurde und den die Forbes-Liste als einen der reichsten Menschen der Welt führt.

Der Falter berichtete, wie der Konzern die zuständige Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) juristisch unter Druck bringen will. Nun setzt Novomatic-Geschäftsführer Harald Neumann, im Kurier öffentlich nach: "Sämtliche uns in diesem Rechtsstaat zur Verfügung stehenden Mittel werden noch vor dem Jahreswechsel von unseren Rechtsanwälten eingebracht." Es gehe bei dem Verbot schließlich "um mehr als 100 Millionen Euro", erklärt Neumann. Schon jetzt kristalliert sich die Argumentationslinie des Konzerns heraus: Bis zu 1000 Jobs könnte das Glücksspielverbot vernichten, beteuert Neumann.

Wie viele Jobs hingegen durch die Spielsucht verloren gehen, wird statistisch nicht erfasst. Ruinierte Unternehmen wie das von Gizicki scheinen nicht auf. Dafür verrät die Spielsuchthilfe andere Zahlen: Vier von fünf Spielsüchtigen sind schwer verschuldet, jeder fünfte verliert seinen Arbeitsplatz, jeder zehnte seine Wohnung. 15 Prozent werden kriminell, ebenso viele denken an Suizid.


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