Selbstversuch

And walk the Earth like Kwai Chang Caine

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014

Ach, Udo Jürgens. Das ist sehr traurig. Nicht, dass mir seine Musik so nahestand, aber ich habe nie in einer Welt ohne Udo Jürgens gelebt. Daran muss man sich erst gewöhnen. Wobei, eh ein schöner Abgang eigentlich, so mitten im Erfolg und im Geliebtsein einfach tot umfallen, als freundlicher, wenig gebrechlicher Mensch. Aber halt fünfzehn oder fünfundzwanzig Jahre zu früh. Also ein trauriger Schlusspunkt in einem insgesamt nicht so großartigen Jahr. Okay, Conchita, aber sonst Robin Williams tot, Philipp Seymour Hoffman tot, Philip Roth schon wieder ohne Nobelpreis. Der verregnete Sommer. Die Niederlagen, die Verluste, die Kapitulationen, die Kränkungen. Die Weltlage sowieso. Gar nicht anfangen damit. Gar nicht auflisten, was sonst alles nicht gut war. Es gab viele Gründe, dankbar zu sein, außerordentlich dankbar, lieber darauf zurückblicken. Und lieber mit Optimismus hoffnungsfroh Richtung 2015 blicken. Was man nicht gut gemacht hat, wird man 2015 einfach besser machen. Was man nicht geschafft hat, wird man erneut versuchen.

Es gibt natürlich jede Menge Vorsätze fürs neue Jahr: Netter sein, freundlicher sein, gelassener werden, eine bessere Freundin sein. Den soziophobischen Anwandlungen größeren Widerstand entgegensetzen. Wieder mehr unter Leute gehen. Auch öfter an die frische Luft. Nicht feig sein. Mehr Bücher, weniger Facebook. Walk the Earth like Kwai Chang Caine, auch wenn man dabei auf bockige, pubertierende Teenager prallt. Interessanter essen; auch gegen den Widerstand dieser Teenager. Auch weiterhin nicht den Ursachen auf den Grund gehen, warum man praktisch nach jeder Tasse Kaffee heftige Niesanfälle bekommt, weil man sich eine Koffeinallergie einfach nicht leisten kann. Weniger kaufen. Konzentrieren, reduzieren, auf sinnlose Dinge verzichten. Noch ein bisschen ausmisten, noch ein bisschen entrümpeln, und dann die Leere aushalten, die so entsteht.

Auch heuer wieder: Mehr von den Dingen tun, die gut für einen sind, und weniger von denen, die einem schaden. Besser aufpassen, zum Beispiel darauf, dass man die Vorsätze vom letzten Jahr nicht wieder mit dem gesamten restlichen Inhalt des Computers verliert. Jaja. Alles wird viel superiger 2015. Alles wird besser, nur noch ein paar Tage durchhalten. Die längste Nacht haben wir schon überstanden, das Restjahr schaffen wir auch noch.

Zuerst muss ich nur noch endlich die versprochene Haube für die H. fertigstricken. Und das Geschenk für das neue Baby von den Dingses. Ein paar Rechnungen bezahlen, ein paar Stapel abtragen. Den Kühlschrank leeressen. Ihnen noch schnell "Austro-Bob" empfehlen, das schöne, sorgfältige Dylan-Buch von Banauch, Ganser und Blumenau, das eben im Falter Verlag erschienen ist. Und allen ein gutes neues Jahr wünschen, und das, was mir ein Freund letztes Jahr gewünscht hat: dass die Freude alles andere immer ein Stück überragen möge. Ja, möge sie.


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