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Deutschland unter Anästhesie

Politik | WOLFGANG ZWANDER | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014

Der US-Autor George Packer reiste in den vergangenen Monaten durch Deutschland, um für die Zeitschrift New Yorker ein großes Porträt über Kanzlerin Angela Merkel zu schreiben. Offenbar brauchte es diese Außenansicht, denn Packer ist das mit Abstand beste Merkel-Porträt gelungen, das es bislang gibt.

Merkel, laut etlichen Rankings "die mächtigste Frau der Welt", kommt in Packers Text relativ ungeschoren davon: machtbewusst und intelligent, undurchsichtig und nicht angreifbar. Die Kanzlerin beherrscht ihr Geschäft der Macht.

Packer traf viele führende deutsche Journalisten, die ihm fast alle offen sagten, sie hätten Merkel gewählt. Der Autor zeichnet ein Bild, auf dem unser großer nördlicher Nachbar fast gleichgeschaltet wirkt. Das ist merkwürdig, Deutschland ist alles andere als eine Diktatur; der Wirtschaftsriese im Zentrum Europas gibt sich gerne als eine der entwickeltsten Demokratien der Welt. Trotzdem wollte Packer so gut wie niemanden finden, der oder die Angela Merkel ernsthaft herausforden wollen würde. Oppositionspolitiker von den Grünen bestätigen ehrfürchtig, wie toll und überlegen Merkel sei; die SPD gibt den braven Juniorpartner; die FDP wurde von Merkel totregiert. Die wichtigsten Medienvertreter unterstützen Merkel und machen nicht das geringste Geheimnis daraus. Der einzige Oppositionsfaktor ist Die Linke, die auf nationaler Ebene von allen anderen Kräften ritualisiert ausgegrenzt wird.

Packer zeigt ein Deutschland, in dem eine Anästhesieschwester regiert, die das ganze Land in den Schlaf versetzt hat und nun im Alleingang durchregiert.

Der Autor, man spürt es in jedem Absatz, ist von diesem Zustand kontinentaleuropäischer Politik sehr irritiert.

George Packer: The Quiet German. Online: http://t. co/0K47dff8XQ


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