Architektur Kritik

Exotische Retromoderne: Vom Türgriff zum Turm

Lexikon | MD | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014

Der Brasilianer Isay Weinfeld, 62, ist in Wien als jener Architekt bekannt, der das Areal des Hotels Intercontinental und des Wiener Eislaufvereins verbauen soll. Hinter dem Projekt steht Michael Tojners Immobilienfirma Wertinvest, die nun eine Ausstellung Weinfelds im Architekturzentrum Wien (AzW) finanzierte. Nach einem etwas rätselhaften Vortrag des Baukünstlers im Mai dieses Jahres, der ebenfalls im AzW stattfand, ist die Schau die Gelegenheit, ein in Österreich kaum vermitteltes Werk kennenzulernen.

"A bis Z. Die Welt von Isay Weinfeld" ist keine klassische Architekturpräsentation. Grundrisspläne der von Weinfeld gestalteten Villen und Shops liegen zum Durchblättern auf einem Tisch, über das Wiener Projekt informiert ein 3-D-Modell. Ansonsten bedient sich der Architekt assoziativer und erzählerischer Elemente, die an Bühnenbilder erinnern. Miniaturmodelle von Stiegen diverser Projekte verweisen auf seine Liebe für dieses architekturgeschichtlich bedeutsame Detail, auf einem Touchscreen kann man durch Weinfelds Fotoalben surfen. In einer Vitrine türmen sich Elemente von Architekturmodellen; die Installation "Vienna 2014" soll jenes kreative Chaos versinnbildlichen, das die Grundlage neuer Projekte darstellt. Der Architekt präsentiert sich als Universalgestalter, der das Alphabet des Entwerfens beherrscht: vom Türgriff bis zur McDonald's-Filiale, von der Wiege bis zur Cocktailbar.

Ein zweiter Hans Hollein ist Weinfeld nicht. Die Zitatkunst des Wiener Architekten und Designers wurzelt in der Modernekritik der Sixties, während der Brasilianer einem von Topoi des Exotismus durchsetzten Retromodernismus huldigt. Das AzW präsentiert mit Weinfeld das Beispiel eines globalen Boutiquenstils, der den Konsumbedürfnissen der neuen brasilianischen Mittelschicht gerecht wird.

Architekturzentrum Wien, bis 23.2.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige