Tiere

Nadelstiche

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014


40.000 Menschen feiern Weihnachten mit einem Plastik-Christbaum. Das ist eine vernachlässigbar geringe Zahl, denn in ca. 2,5 Millionen Haushalten steht ein Natur-Baum. Diese originelle Wortkombination lässt sich noch steigern: Nur ein Prozent davon sind Bio-Natur-Bäume. Über diesen Naturbegriff wundern sich aber nur jene, die wie weiland Peter Rosegger hinter dem Haus ihren Baum selbst schlägern. Auf mehr als 3.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche werden Christbäume mit einem Gesamtwert von ca. 55 Millionen Euro angebaut. Ein boomendes Geschäft, das sich in 15 Jahren fast verdoppelt hat. Wie das zu der angeblich rasant fortschreitenden Islamisierung Österreichs passt, bleibt im Dunkel des boulevardesken Unterholzes verborgen.

Egal, beim Verkauf zählen wie im Model-Business vor allem Form und Wuchs. Und diese kann man durch Düngung und regelmäßigen Gifteinsatz beeinflussen. Denn nicht nur Menschen wollen Fichten und Tannen, sondern eine unübersehbare Zahl von Tierarten leben von, auf und in diesen Nadelbäumen. Hasen und Mäuse werden im Besonderen von den Produzenten gefürchtet. Zum Schutz davor setzt man besonders engmaschige Zäune, die dann dummerweise auch Füchse aussperren. Das Bundesforschungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft – ein übrigens sehr schönes Wort-Tryptichon – rät: „In Mäusejahren sind rechtzeitig, ab Ende August, wirksame Bekämpfungsmittel auszubringen“. Und dann gibt es noch die vielen ebenso kleinen wie wirbellosen Tiere, die an den Nadeln und am Holz fressen und auch mit Pestiziden davon abgehalten werden sollen. Da darf man jetzt nicht gleich hysterisch reagieren, man soll die Bäume ja auch nicht essen. Das Hamburger Abendblatt brachte vor kurzem ein Interview mit einem norwegischen Insektenkundler, in dem dieser hingebungsvoll über das Ökosystem Christbaum sprach, auf dem unter der Rinde und in den Nadeln bis zu 20.000 Tiere leben. In vermutlich falscher Einschätzung der entomologischen Begeisterung der Zivilbevölkerung gab er gute Tipps für den Weihnachtsabend: „Falls man aber doch sehr neugierig auf seine neuen Mitbewohner sein sollte, kann man den Baum auf ein weißes Tuch stellen und schütteln. Dann fallen einige heraus und man kann sie unter dem Mikroskop bewundern. Ich habe das einmal gemacht und sofort 15 verschiedene Arten gefunden.“ Frohes Fest!


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