Das Schauspielhaus verteidigt die Missionarsstellung und sich selbst

Lexikon | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014

Halbtransparente Raumtrenner, monumentale Projektionen, Rollen-, Dialekt-und Perspektivenwechsel. Susanne Lietzow bespielt in ihrer Dramatisierung des Wolf-Haas-Romanes "Verteidigung der Missionarsstellung" (27.12,2., 15.1., 20 Uhr) die Probebühne mit einem Programm an Kunst- und anderen Griffen in die Theatertrickkiste. Wie der Haas-Text springen ihre Schauspieler zwischen Erzählung, Dialog und nur gedachten Äußerungen des Protagonisten hin und her, während sich die Handlung elegant durch Zeitschleifen und -sprünge schlängelt. Lietzow gelingt es, die komplexe Haas'sche Erzähldramaturgie penibel nachzubilden. Wer sich vorab gefragt hat, warum schon wieder ein Roman dramatisiert wird und weshalb ausgerechnet dieser, der erhält eine schlüssige Antwort: Es geht hier nicht ums "Was", sondern ums "Wie". Und das ist großartig.

Anders liegt die Gewichtung auf der Hauptbühne, wo Yael Ronen erneut eine starke Stückentwicklung präsentiert. In "Community" (27.12., 8., 9.1., 19.30 Uhr) wird das Theater zum Gedankenlabor der Schauspieler, die nach ihrer Rolle suchen - auf der Bühne, in der Welt, in der Krise. Erzählt wird die Utopie einer Theaterbesetzung, doch die Vorstellung wirft ihre Darsteller zurück auf sich selbst: als Individuen wie als Gemeinschaft. Ronen hat nicht nur eine Botschaft. Und wie schon in ihren letzten Arbeiten sind manche davon in der flott gestrickten Revolutionsrevue kaum auszumachen. Aber es ist eine große Qualität ihrer Regie, dass sie auf höchstem Reflexionsniveau unterhaltsam bleibt. "Community" ist fragmentarisch: Der komplexe Hintergrund lugt durch die dramaturgischen Lücken.


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