Ausstellung Kritik

Auf Flügeln: Vom Himmel hoch, da komm ich her

Lexikon | NS | aus FALTER 52/14 vom 24.12.2014

Engel sind derzeit in Mode, in der Weihnachtszeit ebenso wie durch den ungebrochenen Esoterikboom. Einen Blick auf die Darstellungsgeschichte dieser zeitlosen Kreaturen liefert die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) mit ihrer Schau "Engel. Himmlische Boten in alten Handschriften". Nicht nur im Christentum, auch im Judentum und im Islam spielen diese Wesen eine wichtige Rolle. Die Schau führt durch ein halbes Jahrtausend Buchmalerei, wobei die feinsten Illustrationen in sogenannten Stundenbüchern zu finden sind.

Die älteste christliche Engelsdarstellung der ÖNB-Sammlung entstammt einer Prachthandschrift, die um 1170 in Mondsee von dem Benediktinermönch Liutold geschaffen wurde und byzantinische Vorbilder verrät. Von einem "Engel des Herrn mit gezücktem Schwert" wird in einer vor 1348 entstandenen hebräischen Bibel ohne Bilder gekündet: Im Mittelalter florierte die jüdische Engelslehre, aber deren Darstellung war verboten. Christliche Bilder zeigen die Geistwesen zunächst als Männer ohne Flügel.

Ihre Blütezeit erlebte die Buchmalerei ab dem späten 14. Jahrhundert. Französische und niederländische "Illuminatoren" versahen die Gebetsbücher mit reicher Ornamentik. Zu einem Schatz der Schau zählt etwa das Stundenbuch des Bedford-Meisters, der zwölf Szenen um die Verkündigung Mariens in eine fünfstöckig gemalte Schaukastenarchitektur verlegt. Im Islam sind Engelsdarstellungen sehr selten, die präsentierte "Himmelsreise des Propheten Mohammed" daher eine wunderbare Ausnahme. Der gefallene Engel Luzifer, die Rollen von Engeln als Rächer, Strafende oder Beschützer, als Diener Christi, als Spielgefährten des Jesukindleins oder Putti: Die Schau ist nicht nur kunsthistorisch ein Highlight, sondern auch durch die facettenreiche Aufarbeitung über die Religionen hinweg.

Österreichische Nationalbibliothek, Prunksaal, bis 1.2.


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