Moderne Mythen in Schwarzweiß: Lilly-Jäckl im Theater im Keller

Lexikon | THEATERKRITIK: HERMANN GÖTZ | aus FALTER 03/15 vom 14.01.2015

Es zählt zu den Angstbildern der alternden Gesellschaft: das schleichende Vergessen der Welt, dem Demenzkranke ausgesetzt sind. Die Diagnose ist brutal. Sehenden Auges erwarten erwachsene Menschen den geistigen Kontrollverlust. In Lilly Jäckls für das Theater im Keller verfasstem Stück "Targets" geht dem Humanisten Osiris seine Welt verloren -eine Welt, die es allerdings eh nicht mehr zu geben scheint. Zumindest, wenn es nach seinem Sohn Horus geht, der sich als frischgebackene Kultfigur im Netzwerk sozialer Medien verfangen hat und dabei zusehends einer digitalen Demenz verfällt. Zwischen den beiden steht Isis, die sich als Frau und Mutter aufopfert.

Mit "Targets" überschreibt Jäckl nicht zufällig jenen ägyptischen Mythos, der dem Herrschaftsanspruch der Pharaonen zugrunde lag. Der dichte Text handelt von Herrschaft, vom Anspruch auf die Deutungshoheit über unsere Welt. Zynisch wie der antike Stoff wirft er seine Protagonisten dabei zurück auf alte Muster archaischer Gewalt. Dass "digitale Demenz" ein Kampfbegriff oberflächlicher Modernisierungsgegner ist, tut dem Stück ebenso wenig gut wie seine fatalistische Auflösung, die gerne mal moralisch interpretiert werden kann -so auch von Regisseur Bernd Sračnik, der Jäckls Tendenz zum Schwarzweißgemälde nicht abschwächt, sondern unterstreicht.

Horus als linkischer Hip-Hop-Spastiker kommt eher plakativ. Tino Sekay hingegen ist als dementer Osiris ein eindrucksvolles Erlebnis. Ein durchwachsener Theaterabend, der von einigen wirklich schönen Momenten zusammengehalten wird.

Theater im Keller, Graz, Fr, Sa, Mi, Do 20.00


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