Heidi List Sexkolumne. Aufklärung für Zeitgenossen

Sexgott

Falter & Meinung | aus FALTER 03/15 vom 14.01.2015

Es ist gut überlegt, wie lange so ein Auge gut sieht. Sobald man beginnt, Falten zu werfen, bekommt man mit der Brille ein Tool in die Hand, das es einem ermöglicht, die Realität dosiert zu konsumieren. Auf diese Weise wird die Unterhaltung mit dem Thekennachbarn in der Bar voller Wunder der Hoffnung. Solange er verschwommen, wie man ihn wahrnimmt, doch ein paar Ecken und Kanten hat, geht er als hochattraktiver Mensch durch. Man stellt sich den einen oder anderen Shade of Grey vor, den er mit einem anstellen könnte. Man fühlt sich zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Außer man ist so blöd und setzt sich zum Telefonnummer-Austauschen die Brille auf. Da springt es einem entgegen, das Gesicht, wie es ist, mit den Zähnen, die auf einen Zahnarzttermin warten, die kleinen Narben, die Pickel und die vielen Aufs und Abs im Gesicht, die irgendwie mäandern zwischen jung und alt und. Na ja.

Man selber wartet ja auch seit ein paar Jahren darauf, dass dieses eine Gesicht auf dem super Foto von vor ewigen Zeiten mal wieder im Morgenspiegel auftaucht. Ausausaus, nicht nachdenken. Brille wieder runter: Sexgott Olé!


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