Phettbergs Predigtdienst

Auf jeden Fall komm ich zur Aufführung

Falter & Meinung | aus FALTER 03/15 vom 14.01.2015

Der Anblick des Sir Aram begeistert mich: Seine Fotos tragen gar keine Bluejeans, aber sein Gesicht und seine Hauben sind total bluejeanig. Da wir nächtelang schon nicht schlafen, hat eze mir sein Theaterstück "Die Pfarrschule" vorgelesen, Zitat: "Wir müssen einander verzeihen, sonst gibt's kein Fortkommen in der Welt." Das Stück handelt von verklausuliertem Sex und der Sehnsucht, die uns ohne Ende nötigt.

Sir A. gelang eine Art kitschige Eucharistie-Zeremonie mit Gotty, dem Herrn, der wär doch dann auch ein männliches Wesen, das sich clevererweise in unerreichbaren Gebieten aufhält, und müsste wissen, womit wir uns ohne Ende quälen? Eine sexy Köchin, ein in besten Früchten blühender Pfarrherr, zwei Jünglinge, nach denen ich im Geiste schon giere: Auf jeden Fall komm ich zur Aufführung, egal wohin. Wann immer Aram und sein Mitautor Dominik Barta die "Pfarrschule" starten, ich werde als Kartenabreißer wirken! Ehrenwort!

Bei Butterblume hängt ein Foto, das sie mir zuliebe abfotografierte. Frau Göbel hat dieses A4-Foto, wo ein junger, schlanker Kerl vor einem Gartenzaun eilt, mir mit Stecknadeln auf meine Tapete geheftet, direkt neben dem gekreuzigten Jesus mit den wunderbaren nackten Schenkeln, den mir Peter L. in einem Wald in Hagenberg fotografiert hat. Nun hängt der Gekreuzigte neben dem Kerl mit den schlanken Schenkeln aus Venedig.

Als ich mittags schon wieder total in meine Einsamkeit hinunterfiel, lud der Maler Stefan Riedl mich zum Silvesterfeiern ein: Die soziale Idee, die wir Menschengesocks in uns tragen, lässt mich Gotty beweisen? Sir eze spielte das Hörspiel vor, das mir Butterblume schenkte, "Krabat" von Otfried Preußler, von zwölf Müllersburschen, die voller mehligweißer Hosen statt mit Bluejeans ausgestattet daherkommen und sich um Mitternacht in Raben verzaubern.

In der Silvesternacht verstarb im 96. Lebensjahr meine geliebte, herzliebe Poldi-Tant. Sie lernte mir, meiner Nervigkeit, als ich zwölf war, endlich das Fahrradfahren. Das Fahrradfahren ist so ein Zauber wie das Rabe-Werden. Meine Mama liegt bereits seit vielen Jahren am Friedhof in Unternalb, heuer wäre sie 102 geworden, und nun kommt meine allerletzte Tante ebenfalls ins Totenreich .

Phettbergs Predigtdienst ist auch über www.falter.at zu abonnieren. Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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