Sachbuch der Stunde

Wut kann auch ein Zeichen von Lebendigkeit sein

Feuilleton | ANDREAS KREMLA | aus FALTER 03/15 vom 14.01.2015

Wut -was bedeutet das heute noch? Die einen lassen das Urgefühl vor lauter Anstand gar nicht erst zu. Die anderen sind wegen allem und jedem gleich -nein, nicht wütend. Betroffen und empört sind sie. Von einer "Diktatur der Betroffenheit" spricht Heidi Kastner, als Folge unseres zivilisatorischen Wohlstands und seiner Ächtung primitiver, kraftvoller Emotionen.

"Der Aufwand der gesteigerten Empfindsamkeit ist erst mit der zunehmenden Sicherheit unserer Zeit leistbar", diagnostiziert sie. Da hat die renommierte Gerichtspsychiaterin ganz anderes gesehen. Wer nach Lektüre ihrer Bücher wie "Täter Väter" (2011) heftige Fallbeispiele erwartet, wird auch hier nicht enttäuscht.

Das vielleicht Erstaunlichste an diesen radikalen Exempeln der Wut ist ihre Nachvollziehbarkeit. Bei dem kleinen Gewerbetreibenden, der Frau und Vermieterin tötet, nachdem sie ihn jahrelang schikaniert haben, kommt man schwer umhin, das Motiv zu verstehen. Anhand eines Mannes, der sich über Jahrzehnte von seiner


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