Film Neu im Kino

Das Doppelleben der Würde: Vittorio De Sica

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 03/15 vom 14.01.2015

Nur gut, dass er ein folgsamer Sohn war! Sein Vater wollte nicht, dass er ein Buchhalter wurde, sondern verlangte, er solle ins Filmgeschäft gehen. So steht das Kinopublikum seit Jahrzehnten vor dem Dilemma, welchen Vittorio De Sica (1901-1974) es lieber sehen will: den Regisseur der sozialen Empfindsamkeit oder den Bonvivant von tadelloser Erscheinung und mit zweifelhaften Absichten, den er so verführerisch darstellt? Sein neorealistisches Frühwerk, das filmische Verantwortung trägt für das Leben, scheint unvereinbar mit dem leichtfertigen Charme des Komödianten, dessen Augen unternehmungslustig funkeln.

Das Filmmuseum präsentiert zum Glück den ganzen De Sica und demonstriert, dass sich diese Opposition bei genauer Betrachtung nicht aufrechterhalten lässt. Auch der Komödiant war Humanist. Seine Ergriffenheit konnte burlesk und zugleich von melodramatischer Noblesse sein wie in Max Ophüls' "Madame de ...". Im Gegenzug bewahrte sich der Regisseur den Instinkt des Unterhaltungskünstlers. Bekanntlich hätte er gern Cary Grant für die Rolle des Vaters in "Fahrraddiebe" gehabt. Und "Schuhputzer" entwickelt sich in der zweiten Hälfte zu einem veritablen Gefängnisfilm um Loyalität und Verrat. Aber noch als vermeintlich saturierter Regisseur verstand er es, Mangel und Entbehrung zu inszenieren: In "... und dennoch leben sie" muss der Wein aus tiefen Tellern getrunken werden, weil es nicht genug Gläser gibt.

Nach Hitchcock ist er vermutlich der Filmemacher, der weltweit die meisten Nachahmer fand (Wes Anderson bereitet gerade ein Trickfilm-Remake von "Das Gold von Neapel" vor). Tatsächlich ist sein Stil universell verständlich: Die schamvolle Geste des Bettlers Umberto D., der einen alten Bekannten trifft, ist unvergesslich.

Bis 12.2. im Österreichischen Filmmuseum


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