Selbstporträt als ungemachtes Bett

Die Ausstellung "Schlaflos" zeigt, wie Künstler seit der Antike die Bettdecken lüften

Lexikon | INTERVIEW: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 04/15 vom 21.01.2015


Foto: Bettina Rheims

Foto: Bettina Rheims

Er hat in Neapel und London Kunstinstitutionen geleitet, bevor er im Vorjahr als Chefkurator das 21er Haus übernahm. Nun eröffnet Mario Codognato seine erste thematische Ausstellung, ein Herzensprojekt, das der Italiener schon lange geplant hat. Die Schau „Schlaflos. Das Bett in Geschichte und Gegenwartskunst“ präsentiert nicht nur Kunstwerke aus mehreren Epochen – darunter sehr viele von Künstlerinnen –, sondern auch nichtkünstlerisches Material wie Dokumente und Fotos.

Falter: Welche Rolle spielt das Bett in der Kunst?

Mario Codognato: Das Bett ist eines der am häufigsten reproduzierten Objekte der Kunstgeschichte überhaupt. Aus offensichtlichen Gründen, denn viele der wichtigsten Ereignisse des Lebens passieren darin. Wir denken als erster an Schlaf, aber die Schau heißt „Schlaflos“ und beschäftigt sich mit dem, was darüber hinaus im Bett passiert. Der Großteil der Menschheit wird darin gezeugt und geboren. Wir liegen dort, wenn wir krank sind, und es ist meist auch der letzte Ort vor dem Sterben, bevor der Körper verschwindet.

Das Bett löst also automatisch existenzielle Assoziationen aus?

Codognato: Ja, es ist metaphorisch sehr bedeutsam. Ich war auch am Bett in Beziehung zur Intimität interessiert, wo wir mit unserem Partner zusammen sind. Die Reproduktion von berühmten Personen auf Betten hat eine sehr starke Bedeutung in der kollektiven Vorstellung, wir scheinen dadurch viel intimer mit ihnen zu werden.

In „Schlaflos“ wird aber nicht nur zeitgenössische, sondern auch antike Kunst gezeigt.

Codognato: Die älteste Arbeit ist ein Fresko aus Pompeji, eine erotische Darstellung aus dem „Gabinetto segreto“, dem Geheimen Kabinett des Archäologischen Nationalmuseums von Neapel. Ich stelle diesem antiken Liebesakt ein neues Foto von Oliviero Toscani gegenüber, das er für ein französisches Magazin von einem jungen Paar gemacht hat. Sie tragen beim Sex Kopfhörer und surfen im Netz. Die Stellungen mögen also über 2000 Jahre lang gleich geblieben sein, aber im Internetzeitalter haben sich Liebes- und Intimbeziehungen trotzdem stark gewandelt.

Die erste Schlafstatt des Menschen ist die Wiege.

Codognato: Ja, wir zeigen das Bild eines Neugeborenen in der Krippe, das Lavinia Fontana im 16. Jahrhundert gemalt hat. Das ist vermutlich das erste Mal, dass ein reales Baby mit individuellen Zügen porträtiert wird. Lange wurden Kinder ja nicht als komplette Personen betrachtet, sondern eher als kleine Tiere. Das hatte auch mit der Kindersterblichkeit zu tun. Das Baby liegt in einer sehr aufwendig dekorierten Wiege: Nur reiche Leute konnten sich ein Porträt ihrer Kinder leisten. Mit der Fotografie hat sich das komplett verändert.

Im Vorjahr wurde Tracey Emins Installation „My Bed“, zu der auch ein getragener Slip der Künstlerin gehört, um 3,2 Millionen Euro versteigert.

Codognato: Wir zeigen auch eine Arbeit von Emin. Der Schlüssel zu ihrem Erfolg ist, dass sie ihre sehr persönliche Geschichte in der Kunst preisgibt. Das Bett wird in der modernen Kunst häufig zu einer Art Selbstporträt. Das berühmteste Beispiel dafür ist Felix Gonzalez-Torres’ Plakataktion in New York 1991. Da wurde das Foto eines leeren Doppelbetts zu einem Symbol für Liebe und Tod, weil es unmittelbar mit der Aids-Krise assoziiert wurde. Man könnte auch sagen, dass das ungemachte Bett in der modernen Kunst in der Tradition des Ready-mades steht. Viele Künstler haben es so verwendet. Auch aufgrund seiner anthropomorphen Form steht es dem menschlichen Körper nahe.

Im Wiener Aktionismus werden Laken und Körper zur Leinwand. Interessiert Sie auch diese Verschiebung der Malerei?

Codognato: Wir haben eine frühe Arbeit von Anthony Gormley, wo er auf ein Leintuch seine eigenen Umrisse gemalt hat. Die Ausstellung zeigt aber auch blutdurchtränkte Bettlaken. Wenn wir ein blutiges Bett sehen, dann denken wir, es ist ein Mord oder ein Verbrechen passiert. Es gibt eine ganze kunsthistorische Tradition dazu.

Wie verändert sich die Darstellung des Betts im Laufe der Zeit?

Codognato: Es ist interessant, dass das Bett zusehends zu einer Arena wird, zu einer Insel oder einem Ring, weil es ein abgegrenztes Territorium bietet. Es ist mit einem Boot vergleichbar. Menschen haben gerne die Kontrolle über die Grenzen eines Gebiets und das Bett als sehr limitierter Raum kommt diesem Bedürfnis entgegen.

21er Haus, Eröffnung: Do 19.00; bis 7.6.


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