Enthusiasmuskolumne Diesmal: Das beste übersehene Buch der Welt der Woche

24 vergnügliche Stunden im Krankenhaus

Feuilleton | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 04/15 vom 21.01.2015

Das Allgemeine Krankenhaus ist kein vergnüglicher Ort. Das AKH-Buch der Wiener Dialektdichterin El Awadalla ist trotzdem ein großes Vergnügen. Es enthält 101 kurze Dialoge, die die Autorin Patienten und Besuchern von Wiens größtem Spital abgelauscht hat. Beispiel:

Frau: De dogdarin hod xogd

i soi mea solod essn und rookosd

nau bin i leichd a hoos

Mann: I fresaad liawa den hosn

Das Buch ist voriges Frühjahr im Milena Verlag erschienen und wurde nicht nur im Falter übersehen. Dabei steht es den bekannten Dialektgedichten der großen Christine Nöstlinger ("iba de gaunz oamen leit") nicht nach. El Awadalla schaut dem Volk nicht nur aufs Maul, sie formuliert die gefundenen Gespräche auch zu formvollendet knappen Mikrodramen um.

"Seawas, bist a krank?" schließt an ein gleichartiges Werk mit U-Bahn-Dialogen an ("Seawas, Grüssi, Salamaleikum", 2012) und umfasst einen Zeitraum von 24 Stunden. Aber dass all diese Gespräche innerhalb eines Tages gefallen sind, ist natürlich Fiktion. Tatsächlich muss die Dichterin viele Tage und Wochen auf den Gängen und in den Wartebereichen des AKH verbracht haben, um genug Material zum Verdichten zu haben.

Vieles ist saukomisch, manches ziemlich tief, anderes auch rührend. Das Schönste daran aber ist der Widerstandsgeist, den das Buch vermittelt. Die Wienerinnen und Wiener lassen sich von den Ärzten nicht alles sagen, sie bekämpfen Krankheit mit Schmäh und Renitenz.

Mann: Zwida sans do hearin scho olle.

Frau: Nau san jo a graung.

Mann: Na i glaub de de wos ned graung san san de zwidaran

Wer nicht zwider ist, sollte dieses Buch kaufen.


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