Kunst Kritik

Feinde des Volkes und Stickereien aus Lagern

Lexikon | NS | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Ohne Erklärungen geht hier gar nichts: Der erste Schritt in der Schau "Tales of 2 Cities" im Jüdischen Museum am Judenplatz sollte zu der Wand mit den ausgehängten Beipackzetteln für die Kunstwerke sein, die drei russische und drei heimische Künstlerinnen und Künstler eigens für die Ausstellung produziert haben. Als Ausgangspunkt der Arbeiten dienten jeweils historische Exponate aus den Sammlungen des Wiener Jüdischen Museums und der Moskauer Menschenrechtsgesellschaft "Memorial". Leider werden diese inspirierenden Fotos, Drucke oder Stickereien dem Besucher vorenthalten beziehungsweise nur als Reproduktionen gezeigt. Nur wenige Arbeiten überzeugen, da entweder die gewählten Sammlungsobjekte eindrucksvoller sind als die zeitgenössischen Antworten oder die Arbeiten schlichtweg zu abgehoben von ihren "Quellen" sind, so dass der Kontext beliebig wirkt.

So hat die Wienerin Zenita Komad ein Gruppenfoto aus den 1930er-Jahren gewählt, in dem mehrere Gesichter von "Feinden des Volkes" übermalt wurden. Dass Komad die ausgelöschten Porträts durch Lichter ersetzt, bleibt aber ebenso fad wie das parallel gezeigte Video "freedom". Darin geben Künstlerkollegen langweilige Antworten auf pauschale Fragen zum Thema Freiheit. Aus einem sowjetischen Arbeitslager stammt eine anonyme Stickerei, die einen Fensterblick auf einen Stacheldrahtzaun zeigt. Ekaterina Shapiro-Obermair kommt aber nur wenig über die Wiederholung des Motivs hinaus. Alisa Joffe "reagiert" auf einen Tora-Vorhang mit comichaft gemalten Punkmusikern und liefert damit den wohl überflüssigsten Beitrag der Schau. Gelungener hingegen Hans Weigands aus Gemälden gebautes Häuschen, das für ein im Lager gesticktes Porträt von Wladimir Majakovski eine Art Gedenkraum kreiert.

Jüdisches Museum Wien, bis 19.4.


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