Wie viel Luft hat die Welt? Duncan Macmillans "Atmen" am Schauspielhaus

Lexikon | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Die Idee, sich aus politisch-sozialen Gründen lieber nicht zu vermehren, gab es schon in Sartres (Anti-)Weihnachtsspiel "Bariona oder der Sohn des Donners". Duncan Macmillan hat sie für sein Stück "Atmen" (Schauspielhaus, Di 20.00) mit den Problemen unserer Zeit verknüpft, mit Umweltzerstörung, Klimawandel und Hunger, kurz: mit dem ökologischen Ablaufdatum des überbevölkerten Planeten. Und obwohl es einigermaßen konstruiert erscheint, dass sich paarungswillige Pärchen den CO2-Fußabdruck ihrer Nachkommenschaft ausrechnen, bevor sie zur Fortpflanzung schreiten, ist dem britischen Dramatiker ein sehr realistisches Drama gelungen. Im Dialog, der seine beiden Protagonisten atemlos durch den Abend treibt, vermengt sich der Versuch von Weltanschauung mit dem ganz normalen Wahnsinn diskursiver Beziehungsbewältigung. In einem Parforceritt der Emotionen durchmessen Verena Lercher und Jan Gerrit Brüggemann unter der Regie des Briten Sam Brown das Leben zwischen Liebe, Angst und Verantwortung. Der dialogische Textschwall kennt keine Zäsuren, Zeitsprünge ergeben sich aus dem Inhalt. Gekrönt wird die Erzählung letztlich von einer überraschend traurigen Pointe. Auch die Ausstattung reduziert radikal den Spielraum der Spielenden: Während der Wortwechsel wird ein bühnenbreites Waldbild mit weißer Wandfarbe übermalt.

Sam Brown und Ensemble bieten aufs Äußerste verdichtete Dramatik, ein Kammerspiel als großes Kino von Rede und Widerrede. Im Verein mit der beachtlichen darstellerischen Leistung ergibt das Vertrauen auf den Text durchwegs packendes Theater. Ein starker Abend.


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