Filmemacher der Zerrissenheit: der indische Meisterregisseur Ritwik Ghatak

Feuilleton | WERKEINFÜHRUNG: GERHARD MIDDING | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Für die Kinder sind die Ruinen ein Zauberreich. Neugierig erkunden sie den Militärflughafen, der verfällt, seit ihn die Briten verlassen haben. Die bizarre Form der Wracks fasziniert sie. Als ihr Ziehbruder Abschied nehmen muss, bleibt Sita allein an diesem magischen Ort zurück. Sie spaziert über das Rollfeld und geht an einem Riss vorbei, der sich durch den Asphalt zieht. Diese Einstellung in "Der Fluss Subarnarekha" mutet an wie eine Landkarte, auf der einzig ein Fluss eingezeichnet ist. Es könnte auch eine Bahnlinie sein.

Die Kamera verweilt nur kurz auf diesem Bild. Gleichsam im Vorübergehen bündelt es jedoch zentrale Motive im Werk des Inders Ritwik Ghatak (1925-1976). Flüsse besitzen in ihm ungeheure Anziehungskraft, immer wieder lenken seine Figuren ihre Schritte dorthin. Sie stehen nicht nur für Kontinuität und Wandel, sondern auch für die Spaltung seiner Heimat. Auch Züge sind ein anhaltendes Faszinosum für diesen Regisseur. Sie künden nicht von hoffnungsfroher Mobilität, sondern von einer auferlegten. Denn Entwurzelung, Exil und Verlust sind existenzielle Erfahrungen seiner Charaktere. In ihrer individuellen Geschichte findet die übergeordnete Historie einen Widerhall, ohne ihnen die Last der Allegorie aufzubürden.

Ghatak ist der Filmemacher der Zerrissenheit, der nationalen wie der eigenen. Seine fiebrige Filmsprache lässt Gegensätze aufeinanderprallen: Blendendes Licht wechselt rasch mit Dunkelheit ab; vertikale und horizontale Kamerafahrten lösen einander ab, ohne ein Gleichgewicht zu schaffen; der Begrenztheit der Interieurs steht die Weite der Landschaften gegenüber, die die Figuren lyrisch umfängt, ihnen aber keinen dauerhaften Trost spendet.

Harmonie und Ebenmaß sind ein Gut, das die Regie den Geschichten nur abtrotzen kann, sie sind keine Selbstverständlichkeit in diesem filmischen Kosmos. Umso kostbarer ist die Eintracht, die zu Beginn von "Der verborgene Stern" herrscht zwischen den Figuren, dem Flusslauf und dem Zug, der an seinem Ufer fährt. F


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