Enthusiasmuskolumne Diesmal: Der beste Schinken der Welt der Woche

Es war einmal im Gartenbaukino

Feuilleton | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Nicht nur Essgewohnheiten ändern sich, auch Sehgewohnheiten. Filme mit Überlänge zum Beispiel gibt' s im Kino mehr denn je, die richtig fetten Schinken aber sind rar geworden. Abhilfe schafft hier das Gartenbaukino, das einmal im Monat zu einer Sonntagsmatinee mit Schinken einlädt - auf der Leinwand und beim Buffet.

Letztes Wochenende stand "Es war einmal in Amerika" von Sergio Leone aus dem Jahr 1984 auf dem Programm. Leider waren Produzenten, Kinos und Verleiher damals keineswegs vom Erfolg des Films überzeugt, weshalb er nur in verstümmelten Versionen herauskam (in den USA mit circa 140, in Europa mit 190 Minuten). Die heute üblicherweise gezeigte Fassung, die schließlich die Zustimmung des Regisseurs fand, beläuft sich auf 225 Minuten.

Mit diesem gewaltigen Epos krönte Leone nicht nur seine Karriere, sondern schuf auch eines der Meisterwerke des Gangsterkinos. Dass es sich bei der Aufführung am vergangenen Sonntag um ein einmaliges Erlebnis handelte, lag allerdings weniger am Schinken, den Fleischhauer Radatz für die Pause spendierte, als daran, dass erstmals hierzulande die kürzlich restaurierte, mehr als vierstündige Fassung zu sehen war.

Die zusätzlichen 26 Minuten machen keinen neuen Film, dazu ist schon die Bild-und Tonqualität des wiedergefundenen Materials zu dürftig. Dennoch ist es spannend zu erfahren, was Leone ursprünglich noch wichtig war. Markanteste Ergänzungen sind ein Auftritt von Louise Fletcher (der einst komplett der Schere zum Opfer fiel), ein längerer Dialog über Noodles' (Robert De Niro) jüdische Herkunft und die Abreise der von ihm vergötterten - und vergewaltigten -Tänzerin Deborah (Elizabeth McGovern) nach Hollywood. Danke für diesen Schinken im Director's Cut!


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