Vorstoß in die moderne Seele

Die Schau "Degas, Cézanne, Seurat" präsentiert Papierarbeiten aus dem Musée d'Orsay

Lexikon | Ausstellungsvorschau: Nicole Scheyerer | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015


Foto: Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Adrien Didierjean

Foto: Musée d´Orsay, Paris, Dist. RMN-Grand Palais, Adrien Didierjean

Es hört sich nach einem kuratorischen Himmelfahrtskommando an: Wer aus 80.000 meisterlichen Papierarbeiten eine repräsentative Auswahl von 150 Ausstellungsexponaten treffen soll, könnte leicht verzweifeln. Aber das Musée d’Orsay in Paris hat mit diesem Job freilich keinen geringeren als den Kunsthistoriker Werner Spies betraut, der einst das Centre Pompidou leitete und sich für die Albertina schon durch das gewaltige Spätwerk Picassos gewühlt hat.

Erstmals schickt die 1986 in einem alten Bahnhof eröffnete Weihestätte für Impressionismus ihre empfindlichen grafischen Schätze aus dem 19. und 20. Jahrhundert in einem solchen Umfang auf Reisen. Unter dem Titel „Degas, Cézanne, Seurat. Das Archiv der Träume aus dem Musée d’Orsay“ werden nun Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen präsentiert, für die man bisher nach Paris fahren musste.

Das Ausstellungsplakat schmückt das Pastell „Am Boden sitzende Frau, sich kämmend“ – einer jener farbprächtigen Akte aus dem Boudoir, für die Edgar Degas einst eine besondere Technik entwickelte. Die Darstellung des bewegten Körpers interessierte den Künstler sein ganzes Schaffen hindurch, egal ob er Tänzerinnen, Prostituierte oder einfach Frauen bei der Toilette festhielt. Unter dem Einfluss der Impressionisten begann Degas Farbstriche ungemischt nebeneinander stehen zu lassen und den Leibern auf diese Weise noch mehr Lebendigkeit zu verleihen.

Die Ausstellung beschränkt sich aber weder auf den Impressionismus noch auf französische Kunst. Ausstellungskapitel wie „Monster und Chimären“, „Tod und Melancholie“ oder „Die Einsamkeit und das Nichts“ machen die Stoßrichtung von Spies’ Ausstellung deutlich. Als Spezialist für den Surrealismus und Max Ernst interessieren den deutschen Kurator die dunklen Zonen der modernen Seele.

So schuf der Surrealismus-Vorreiter Odilon Redon in seiner „schwarzen“ Phase ab 1870 albtraumhafte Kohlezeichnungen und Druckgrafiken, die von Todesboten wie Raben oder lächelnden Spinnen bevölkert sind. Immer wieder blicken aus den berühmten „Noirs“ unheimlich große Augen. Die Ausstellung umfasst Zeichnungen wie Redons „Teufel, einen Kopf durch die Lüfte tragend“, die für spätere Generationen ebenso wegweisend waren wie die mythologischen und phantastischen Szenen von Gustave Moreau.

„Pittoreskes bekommen wir nicht zu sehen“, schreibt Leila Jarbouai, Kustodin für Papierarbeiten am Musée d’Orsay, im Ausstellungskatalog. Auch wenn sie sich dabei auf die Landschaftsbilder bezieht, so trifft dieses Zitat gleichwohl auf den Großteil der in der Ausstellung gezeigten Blätter zu. Der Kurator habe „vor allem innovative, geheimnisvolle, überraschende Werke ausgewählt“, betont Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder.

Mit gebeugtem Rücken schleppen die Bauern in Giovanni Segantinis Dämmerungsbild „Am Ende des Tagwerks“ schwere Reisigbündel ins Tal. Ein Strang der Schau widmet sich der realistischen Darstellung der ländlichen Arbeitswelt, wie sie auch Jean-Francois Millet ohne viel Pathos verewigte. Die entpersönlichten Figuren scheinen hier außerhalb der Zeit zu stehen, als ein Symbol für den Zyklus des Leben schlechthin.

Die Ausstellung enthält auch zahlreiche Selbstporträts von Künstlern, wobei besonders ein mit Tinte gemaltes Selbstbildnis von Charles Baudelaire herausgestellt wird. Die Zeichnung des alten Dichters stellt ihn mit bangem Blick dar; rote Flecken in den Augen und auf den Wangen steigern noch den intensiven Ausdruck.

Der Abschnitt „Der Blick nach innen“ umfasst auch introspektive Selbstporträts von Gustav Courbet und Lovis Corinth. Zu den Highlights zählt das „Selbstporträt mit Masken“ des jungen belgischen Symbolisten Léon Spilliaert.

„Letztlich ist der Weg in den Traum, in das Verschwinden, in den Tod das Hauptthema in unserer Auswahl“, schreibt Spies selbst über seinen Selektion, für die er sich tatkräftige Unterstützung holte. Der Kurator lud Künstler und andere Kulturschaffende ein, einzelne Blätter auszuwählen und sie – entweder bildlich oder schriftlich – für den Katalog zu kommentieren.

Die rund 100 Antworten stammen von Kunstfans wie David Lynch, Paul Auster oder Hertha Müller ebenso wie von so unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern wie Cindy Sherman, Elizabeth Peyton oder William Kentridge. Wie sehr sich der Zugang zum Medium Zeichnung geändert hat, bewies David Hockneys Beitrag: Inspiriert durch Jean-Francois Millets Zeichnung griff der Pop Artist zum iPad und malte darauf ein Selbstporträt in leuchtendem Rot-Grün.

Albertina, 30.1. bis 3.5.


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