Menschen und Tiere der Woche

Rammlerschau

Falter & Meinung | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Unter kinderreichen Katholiken gilt der finanziell aufmunternde Spruch „Wem gibt der Herr das Haserl, dem gibt er auch das Graserl.“ Auch Papst Franziskus verortete hohe Reproduktionszahlen vor allem bei Nagetieren und überraschte mit der Aussage: „Manche Menschen glauben, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen.“ Im italienischen Originalton sagte er coniglio (dt.: Kaninchen), was die Deutsche Presse Agentur mit „Karnickel“ übersetzte, und dieser norddeutsche Ausdruck wurde dann von allen deutschsprachigen Medien übernommen.

Egal, wir wollen nicht von der Expertise des Papstes ablenken, denn dieser weiß offenbar, dass Kaninchen über einen Uterus duplex verfügen, also zwei voneinander unabhängige Gebärmütter. Eine Häsin (ja, Kaninchinnen heißen so) kann daher bereits vor der Geburt eines Wurfes erneut befruchtet werden. Das schaffen selbst die überzeugtesten Christinnen nicht. Die konservative Kurie im Vatikan knirschte leise mit den Nagezähnen, doch womit der Papst nicht gerechnet hatte, war Deutschland, die Hochburg der Kaninchenhaltung. Dort sind etwa 150.000 Mitglieder im „Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter“ registriert und man schoss gegen „solche dummen Sprüche“ scharf zurück. Der Verbandspräsident betonte in einer völlig ironiefreien Presseaussendung, dass „diese sexuellen Ausschweifungen nur auf frei lebende Tiere zutreffen“, während „die Fortpflanzung bei Zuchtkaninchen hingegen in geordneten Bahnen verläuft“.

Auf der offiziellen Website dieser Organisation gibt man sich dann aber keineswegs prüde. Interessierte Neigungsgruppen finden dort Aufrufe zur „Bundes-Rammlerschau“ oder Tipps, wie man „Häsinnen heiß und zum Deckakt bereit macht“.

Okay, Fachsprache kann unfreiwillig lustig sein, aber aus manchen anderen Textbeiträgen lugt ein seltsames Welt- und Wertebild hervor. Man preist den erzieherischen Wert bei der Haltung und Pflege der Kaninchen: „Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit, die Sehnsucht nach einem Partner, der sich unterordnet, der zusätzliche Kontakt mit dem kuscheligen Fell (…) und die Möglichkeit, seine Probleme einem schweigenden Partner anzuvertrauen, sind weiter Gründe, sich Kaninchen als stets zugängliche Hausgenossen zu halten.“

Das lässt den Ausdruck „Zuchtverband“ dann doch in einem anderen Zusammenhang erscheinen.


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