Ohren auf Swjatoslaw Richter

Ein normaler Mensch, der Klavier spielt

Feuilleton | MIRIAM DAMEV | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Der Jahrhundertpianist Swjatoslaw Richter war Wunder und Genie zugleich. Noch heute gelten seine Interpretationen als richtungsweisend. Richter beherrschte so ziemlich alles: von Händel über die klassische und romantische Literatur bis zu Berg, Bartók, Britten und den russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Im Alter wandte er sich verstärkt Bach und Schubert zu, den er mit seiner abgeklärten Spielart von der biedermeierlichen Last befreite.

Richter hinterließ eine Unzahl an Aufnahmen. Anlässlich seines 100. Geburtstages im März sind nun zwei üppige Boxen erschienen. 18 CDs aus den RCA-und Columbia-Archiven bietet Sonys Jubiläumsedition "The Complete Album Collection"; sie eint Konzertmitschnitte von Richters erster Amerika-Tournee 1960, bei der er mehr als 20 Konzerte in nur zehn Wochen spielte, und einige Studioaufnahmen. Das legendäre Carnegie-Hall-Debüt vom 19. Oktober, bei dem er sich dem Publikum mit einem ungestümen Beethoven präsentierte, ist ebenso vertreten wie Mitschnitte von Prokofjew, Debussy, Schumann, Rachmaninoff oder Chopin.

55 Stunden Musik enthält "The Complete Decca, Philips &DG Recordings". Universal hat dafür sämtliche Aufnahmen der drei Plattenfirmen in eine CD-Box mit Solo- (34 CDs) und Kammermusik (sieben CDs), Konzert- (fünf CDs) und Lied-Aufnahmen (drei CDs) gepackt. Besondere Highlights zu nennen ist schwierig. Richter war ein virtuoser Klangzauberer, der sich jedem Komponisten mit der gleichen Intensität und dem gleichen Ernst zuwandte. Er musizierte mit Britten (Vierhändiges), Mstislaw Rostropowitsch, Peter Schreier (Schuberts "Winterreise") oder den Wiener Philharmonikern unter Karajan.

Richter litt übrigens Zeit seines Lebens unter dem Image des Einzigartigen und der Angst, seinem Ruf nicht gerecht zu werden. Er selbst sah sich stets als "normaler Mensch, der Klavier spielt".


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