Kommentar Bildpolitik

Vibrator statt Messer: Wie Japan die IS-Propaganda entzaubert

Falter & Meinung | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Das Video des Islamischen Staates (IS) unterschied sich in nichts von den Bildbotschaften der Vergangenheit. Ein vermummter Krieger bedroht mit einem Messer zwei orange gekleidete Geiseln. Die Entführten sind die Japaner Kenji Goto und Haruna Yukawa, der inwischen offenbar ermordet wurde. Ähnliche Videos verbreiteten bereits mehrmals Furcht und Schrecken. Die archaische Grausamkeit macht sprachlos.

Die Reaktion der japanischen Öffentlichkeit war ganz anders als gewohnt. Zahlreiche Memes persiflierten im Internet das Bild vom Henker und den Opfern. Einmal hält der Terrorist ein Schwert in der Hand und säbelt Dönerfleisch von einem Drehspieß. Ein anderes Meme (so nennt man solche viralen Bildbearbeitungen) zeigt den schwarz gekleideten Kämpfer in einem Fernsehstudio und vermittelt so den nicht ganz unwahrscheinlichen Eindruck, das Videomaterial der IS würde in einer professionellen Medienzentrale produziert. Ein weiterer Netzgrafiker rüstete den Mörder mit einem riesigen Vibrator aus. Die Werkzeuge stammen aus dem Fundus der Avantgarde: Manipulationen zerstören durch Montage und Persiflage.

Die Bildsatiren verschlagen dem Betrachter den Atem. Wie pietätlos, denkt man sich. Aber führen diese Memes nicht auch vor, wie man die kommunikativen Strategien der IS entschärft? Die Dschihadisten wollen Horror provozieren und lösen stattdessen Gelächter aus. Während westliche Medienmacher schockstarr auf die Nachrichten aus der Wüstenhölle glotzen, die sich im Internet wie Viren ausbreiten, gehen die japanischen User zum Gegenangriff über. Schwarzer Humor als virale Waffe gegen das visuelle Diktat der Islamisten.


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