Tödliche Lieblingsklamotten

Echt gute Doku-Serie: Jugendliche Blogger aus Norwegen treffen Textilarbeiterinnen

Stadtleben | BERICHT: CHRISTOPHER WURMDOBLER | aus FALTER 05/15 vom 28.01.2015

Bloggen kann eine Pest sein. Vor allem Modebloggerinnen haben den Ruf, unreflektiert die Versprechungen der Modeindustrie nachzuplappern in der Hoffnung auf Klicks und Geschenke. Nun hat die norwegische Zeitung Aftenposten ein interessantes Experiment gewagt: Sie schickte drei junge Modeblogger, zwei junge Frauen und einen Burschen, mit einem Kamerateam nach Kambodscha. Sie sollten in den Textilfabriken arbeiten, jene Menschen kennenlernen, die ihre Lieblingskleidung nähen.

Die fünfteilige Doku "Sweatshop Deadly Fashion" ist auf der Homepage der Zeitung mit englischen Untertiteln zu sehen. Im Laufe des Experiments muss jede der drei Protagonistinnen heulen; sogar der Regisseur Joakim Kleven, 22, erzählt im Interview, dass er hinter der Kamera Tränen in den Augen hatte.

Nun kann man sich lustig machen über konsumfreudige, unpolitische Teenager. Aber womöglich bewirkt die Konfrontation von drei Fashionistas zwischen 17 und 21 mit der harten Realität von Textilarbeiterinnen in Phnom Penh und der herrschenden Armut dort mehr als jeder Boykottaufruf, nicht mehr bei Billigtextilketten einzukaufen.

Anniken, Frida und Ludvig, so heißen die drei Blogger, müssen im Akkord nähen, mit drei Dollar einen Tag überleben und eine fiktive Familie ernähren oder bei einer gleichaltrigen Näherin übernachten, deren Wohnung so groß ist wie ein norwegisches Badezimmer. Der berührendste Moment der Doku-Serie, die schon mehr als 1,5 Millionen mal angesehen wurde, ist die Erkenntnis der blonden Anniken: "Die Menschen hier in Kambodscha sind so arm, damit wir uns all die Dinge leisten können." Sie bloggt übrigens wieder. Über Klamotten.


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