Romantische Unzerrissenheit: ein Film über den Musiker Nick Cave

Feuilleton | Rezension: Matthias Dusini | aus FALTER 06/15 vom 04.02.2015

Kindheit, Liebe und Trauer sind die Themen des Singer/Songwriters und Romanautors Nick Cave. Folgerichtig nähert sich das Regieduo Iain Forsyth und Jane Pollard dem Künstler in "20.000 Days on Earth" mit den Mitteln des Pathos. Ein hypnotischer Geräuschsog begleitet die Bilder von verregneten Landschaften und den Wolken über der südenglischen Stadt Brighton, wo sich der Australier mit Frau und Kindern niedergelassen hat. Konzertszenen zeigen ihn als weihevollen Performer, der die spirituelle Vereinigung mit der Fangemeinde sucht.

Nick Cave inszeniert sich als stilsicherer Dandy der Finsternis, mit dicken Goldringen und eleganter Limousine. Auch wenn die romantische Beschäftigung mit der Fantasie und dem Traum auf eine innere Zerrissenheit schließen lassen. Die musikalisch rhythmisierten Szenen zeigen einen überaus souveränen Autor, dessen Ausdrucksfähigkeit sogar im Gespräch mit dem Analytiker kaum ins Stocken gerät.

Der ehemalige Frontmann der brachialsten Band der Welt, The Birthday Party, hat sich in eine Ich-AG verwandelt, die mit ihrem Bandkollegen Aal mit Sepianudeln kocht, im rauchfreien Büro in die Schreibmaschine hackt und sich in dem eigens eingerichteten Nick-Cave-Archiv um die Selbstmusealisierung kümmert.

Warum "20.000 Days on Earth" nicht zum überlangen Promovideo verkommt, liegt am überzeugenden Ernst, den der Film und sein Hauptdarsteller vermitteln. Hier arbeitet einer hart an lyrischen und tonalen Strukturen, an der Dynamik von Liveauftritten. Sucht und Exzesse, die früher einmal mit der Marke Nick Cave verknüpft waren, sind aus diesem Arbeitsalltag verschwunden.

Natürlich hat so viel Pathos auch seine komischen Seiten. Sie zeigen sich etwa, wenn Cave in einem viel zu großen Auto viel zu häufig durch die Kleinstadt Brighton fährt. Man kann es nur ahnen: Sobald die Kamera weg ist, holt der Prince of Darkness wieder das Fahrrad aus der Garage.

Ab 6.2. in den Kinos (OF im Stadtkino)


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