Distelmeyers Odyssee durch Berlin: einmal Roman mit alles ohne scharf

Feuilleton | Literaturkritik: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 06/15 vom 04.02.2015

Jochen Distelmeyer hat mit Blumfeld in den 1990ern drei herausragende Alben gemacht. Dann noch einige gute sowie, nach der Auflösung der Band, das okaye Solodebüt "Heavy"(2009). Danach fünf Jahre Schweigen. Und eine halbherzige Reuniontour mit Blumfeld. Die letzten Jahre waren für den einst gefeierten deutschen Musiker nicht leicht.

Zuletzt scheiterte er am Vorhaben, eine moderne Odyssee in Songform zu erzählen. So wirkt es wie aus der Not geboren, dass er mit "Otis" stattdessen eine Odyssee durch Berlin in Romanform veröffentlicht. Die Literatur als letzte Rettung? Für einen ordentlichen Vorschuss sollte es gereicht haben, Distelmeyer hat es als Debütant gleich zum Spitzentitel im aktuellen Rowohlt-Programm geschafft.

Leider ist "Otis" ein Bauchfleck. Zum einen handelt es sich um die völlig banale, schon tausendmal gelesene Geschichte eines angehenden Autors - hier heißt er Tristan Funke -, der mit seinem Stoff kämpft, dabei durch Berlin stapft und mit diversen Frauengeschichten beschäftigt ist. Schnell wird deutlich, dass Distelmeyer kein Geschichtenerzähler ist. In flapsigem Ton quält er sich von Szene zu Szene, von Prenzlauer Berg nach Mitte, vom Deutschen Theater zu einer aus dem Ruder laufenden Party.

Bei aller Bedeutungslosigkeit der Handlung wäre das alles noch nicht so schlimm. Tragisch, bisweilen auch tragikomisch wird es, wenn Distelmeyer die Alltagssprache hinter sich lässt, zu singen beginnt und ansatzweise zeigt, was Tristan Funke mit seinem Roman alles leisten will.

"Einschätzungen zur Lage in Europa, Griechenlands und zum Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme" etwa oder "Mutmaßungen zur Aktualität der Odysseussage und ihrer tieferen Bedeutung". Das führt zu geschraubten Exkursen über die Rolle der Kunst nach 9/11 oder die Entstehungsgeschichte des Holocaust-Mahnmals in Berlin, die wie aus zwei, drei Feuilletons und Wikipedia zusammenkopiert wirken.

"Otis" will vieles sein, ist aber literarisches Fast-Food: einmal Roman mit alles ohne scharf.


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