Fragen Sie Frau Andrea

Das Schweigen der Nebentische

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 06/15 vom 04.02.2015

Liebe Frau Andrea, meine Freunde und Freundinnen gehen einmal pro Woche ins Kino und diskutieren den gesehenen Film im Wirtshaus in voller Lautstärke. Von Nachbartischen bekamen wir zu hören, ein sehr interessanter Abend sei das gewesen. Auf eigene Konversation habe man verzichtet. Jetzt treten wir bereits in verschiedenen Kaffeehäusern in Graz "ungebeten", aber "gratis" auf .Zuhören okay, mitdiskutieren unerwünscht! Können Sie uns mitteilen, welche Lokalitäten in Wien für unseren "Cinema Talk" infrage kämen? Danke & liebe Grüße Dietmar Werner, Graz/Wien

Lieber Dietmar,

zunächst darf ich mich freuen, dass Sie und Ihr Kreis ins Kino gehen. Als Filmemacherin ist dieses Bekenntnis zu meinem Kernmedium willkommener Anlass für cinematografische Zuversicht. Auch Ihre Reflexionen auf das Gesehene, Sie beschreiben diese sehr eindrucksvoll als eine Diskussion in "voller Lautstärke", begrüße ich.

Kommen wir zu Ihrer Frage. Der Zielrichtung derseben darf ich entnehmen, dass Sie und Ihr Diskursrund mit den Gegebenheiten wienerischer Kinokultur, ja mit den Rahmenbedingungen des Sprechens in Wiener Lokalen nicht vertraut sind. Ich darf helfen. Wiener gehen in Kinos, auch in Freundesgruppen. Sie gehen auch nachher gemeinsam wohin. Und ja, sie sprechen auch über den gerade gesehenen Film. Miteinander. Hier enden jegliche Ähnlichkeiten mit dem von Ihnen in Grazer Kaschemmen etablierten "Cinema Talk".

Mir fiele kein einziges Lokal in Wien ein (und ich kenne derer zu viele), in dem irgendjemand an den Gesprächen des Nebentisches interessiert wäre. In der Regel ist man nicht einmal an den Gesprächen des eigenen Tisches interessiert. Ich mag mich irren, aber in doch gut fünf Jahrzehnten wienerischer Lokalbegehungen ist mir kein einziger Vorfall in Erinnerung, der Ihrer Grazer Idee des unterhaltenden Tisches nahekäme. Falls es Ähnliches je gab, waren es Irre und betrunkene Prominente, die für Sekunden einen Nachbartisch attrahieren konnten. Ich muss Ihnen, so Sie nicht gegen Demütigungen geimpft sind, von Ihrem Vorhaben abraten. Erwähnen Sie in Ihren Grazer Darbietungen jedoch, wie erfolgreich Sie in Wien sind. Weltberühmt geradezu. Man wird diese Lüge lieben!


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