Kunst Kritik

In den Stricken der Stille und der Gewalt

Lexikon | N S | aus FALTER 06/15 vom 04.02.2015

Die Galerie Krinzinger betreibt schon seit vier Jahren ein Artistin-Residence-Programm in Wien, Ungarn und auf Sri Lanka. Der Künstler Waqas Khan kam auf Einladung der Galerie 2012/13 von Pakistan nach Österreich und produzierte auch hier seine typischen Zeichnungen. Dafür verwendet der 1982 geborene Künstler handgeschöpftes Wasli-Papier, das in Indien seit dem 10. Jahrhundert für Miniaturmalerei verwendet wird. Bezugnehmend auf diese alte Kunst zeichnet Khan mit Fineliner netzförmige Strukturen aus winzigen Zellen. Diese Gewebe haben geometrische Formen, werden aber durch ihre Unregelmäßigkeiten interessant. Nahezu sakral mutet ein verdunkelter Raum der Galerie an, in dem Khans große schwarze Blätter mit weißen Punktmustern hängen - Kunst als Kontemplation, wie man sich das für Indien so vorstellt.

Aus Beirut kommt Alfred Tarazi, der 2011 bei Krinzinger in Wien war. Seine schwarz-weißen Collagen zum libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) werden in fünf speziellen Boxen mit Rollbildern gezeigt. Tarazi ging dafür Gerüchten über extreme Gewalttaten nach, die sich damals zugetragen haben sollen.

Seine jeweils zwölf Meter langen, filmartigen Panoramen, die via Kurbel bewegt werden können, stellt der 34-jährige Künstler gekonnt aus Medienbildern zusammen.

Die Druckgrafiken konfrontieren so bekannte wie umstrittene Oral History des Libanon mit der medialen Ausschlachtung des Krieges. Darüber hinaus ist jede der fünf Geschichten einem Sinnesorgan zugeordnet, etwa das Sehvermögen dem Gerücht über einen Folterknecht, der Augäpfel seiner Opfer sammelte. Auf sehr dichte Weise fragt Tarazi nach den Folgen des Krieges, der die Sinne ebenso schärft wie deformiert und dessen Legenden - auf direkte oder indirekte Weise - einen wahren Kern zum Ausdruck bringen.

Galerie Krinzinger, bis 28.2.


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