Darf man ein Kind würdevoll schlagen?

Der Papst sagt Ja. Der Kinderpsychiater erklärt, warum er das sagt. Ein Gespräch mit Paulus Hochgatterer über die Notwendigkeit des Gewalttabus


GESPRÄCH: BIRGIT WITTSTOCK
Stadtleben | aus FALTER 07/15 vom 11.02.2015


Vergangene Woche gab Papst Franziskus bei der allwöchentlichen Generalaudienz, bei der es um die Rolle der Väter ging, eine Anekdote zum Besten: Ein Mann habe ihm erzählt, er müsse seine Kinder „manchmal ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen“. Die Antwort des Papstes: „Wie schön.“ Denn: Der Vater wisse um den Sinn der Würde. Papst Franziskus hält das Schlagen von Kindern also offenbar für in Ordnung, zumindest ließ er bislang nichts Gegenteiliges hören, und auch Vatikan-Vertreter Thomas Rosica verteidigt die Aussage. Überraschenderweise folgte daraufhin sogar Kritik aus den eigenen Reihen wie der Kinderschutzkommission des Vatikans. Auf diversen Social-Media-Plattformen wird seither das Thema Gewalt in der Kindererziehung diskutiert, wobei sich zeigt, dass immer noch vielen Eltern die Hand ausrutscht. Ein Gespräch mit dem Kinderpsychiater und Schriftsteller Paulus Hochgatterer über den Papst, elterliche Gewalt und deren Folgen und über Gewaltprävention.

Falter: Herr Hochgatterer, was hat die Aussage von Papst Franziskus in Ihnen als Kinderpsychiater ausgelöst?

Paulus Hochgatterer: Einerseits hat sie mich sehr verwundert, weil ich Franziskus aufgrund seiner bisherige Aussagen als jemanden eingeschätzt hatte – und das tue ich immer noch –, der weit weg ist von einer grundsätzlich gewaltfreundlichen Haltung. Andererseits habe ich mich ganz unmittelbar und spontan gefragt, ob er als Kind möglicherweise selbst auch geschlagen wurde. Der zentrale Mechanismus in der Verteidigung von Gewalt in der Erziehung ist ja die Identifikation mit den Eltern; er könnte sich also mit seinen Eltern identifiziert und alles dafür getan haben, das heile Bild von ihnen aufrechtzuerhalten.

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