Tiere

Silberpfeile

Falter & Meinung | aus FALTER 07/15 vom 11.02.2015


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

An welchen Orten der Stadt findet der Mensch Muße und Kontemplation? Auf der Toilette. Dort, in diesem kleinsten Zimmer einer Wohnung, kann man sich bzw. muss man sich sogar entspannen. Die Techniken dazu sind verschieden: Manche legen an diesem Ort kleine Bibliotheken an, andere wiederum finden lektürelos zu sich selbst und fokussieren sich auf diese karge Umgebung.

So auch Herr H., der ein grundsätzlich naturfernes Leben führt, aber gerade in diesen wenigen Minuten der Ein- und Auskehr am Tag diesen Lebensraum sehr genau inspiziert. Er schreibt: „Ich beobachte seit längerem Silberfischchen auf meinem Klo. Anfangs sind sie silbrig, mit dem Alter werden sie dann dunkler. Seltsamerweise finde ich nie tote Silberfische auf dem Boden. Wohin verschwinden diese?“ Schöne Wahrnehmung und gute Frage.

Die bayrische Kabarettistin Martina Schwarzmann hat sich in ihrem Song über totgefahrene Mäuse auch schon gefragt, wo denn manche Wildtiere nach ihrem Ableben bleiben. Sie vermutet für dieses Problem Tarneffekte durch graues Fell auf grauer Straße, jagdmüde Bussarde, die sich am Asphaltbuffet bedienen, und eine fehlende Lobby.

Im Fall der toten Silberfischchen können wir jedenfalls ausschließen, dass diese wie gepfählte Vampire sofort zu Staub zerfallen. Da diese flügellosen Urinsekten eine hohe Luftfeuchtigkeit von bis zu 90 Prozent bevorzugen, kommen sie nur selten aus den Spalten und Mauerrissen hervor. Sie ernähren sich vom Abweiden des Algen- und Schimmelbewuchses und fressen an feuchtem Papier. Toilettenbiotope bieten all dies und sind für die kleinen Silberpfeile wahre Sehnsuchtsorte. Trotz ihrer geringen Körpergröße können sie bei guter Pflege ein Alter von bis zu acht Jahren erreichen und sind somit treue Begleiter an stillen Orten und in ebensolchen Stunden. Silberfischchen häuten sich regelmäßig und – hier irrte Herr H. – erscheinen zuerst dunkel. Ihnen fehlen anfangs die winzigen silbrigen Schuppen auf ihrem Chitinpanzer, die sich erst nach der dritten Häutung zeigen. Dunkle Exemplare sind also noch Babys und ein Zeichen von guten klimatischen Bedingungen am locus necessitatis, dem Ort der Notdurft. Falls sie nicht vorher von Spinnen gefressen werden, ziehen sich Silberfischchen am Ende ihres Lebens tief in Spalten zurück und werden nun ihrerseits von Pilzen zerlegt.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige