Fragen Sie Frau Andrea

Der Skiheld und sein Balkon

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 08/15 vom 18.02.2015

Liebe Frau Andrea,

in kleiner Runde haben wir uns die Opernball-Direktübertragung angeschaut. Beim Abfilmen der Festlogen stach uns Karl Schranz ins Auge. Der stand doch einst mit Bruno Kreisky am Heldenplatzbalkon. Ist das eigentlich schon aufgearbeitet? Danke für die Aufklärung!

Lydia Patat, Landstraße, per E-Mail

Liebe Lydia,

die Autorin dieser Kolumne hat die Begebenheit in der Monografie "Die österreichische Oberfläche" gewürdigt. Das Balkonereignis, das Sie ansprechen, fand allerdings am Ballhausplatz statt, nicht am Heldenplatz. Wie war es dazu gekommen? Nach dem Urteil des Präsidenten des IOC, Avery Brundage, Schranz wegen eines Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen von den Olympischen Spielen in Sapporo, Japan, nach Hause zu schicken und damit einer sicheren Goldmedaille zu berauben, hatte sich Österreich in den Ausnahmezustand gefiebert.

Karl Schranz war in dieser Zeit der am meisten bewunderte Mann Österreichs. Zehntausende Leserbriefe wurden geschrieben, vier Schallplatten mit Protestliedern kamen heraus, darunter "Der Karli soll lebn!" von Georg Danzer und André Heller. Im Dienstwagen von Unterrichtsminister Fred Sinowatz fuhr Schranz schließlich am 8. Februar 1972 in einem Triumphzug vom Flughafen Schwechat Richtung Innenstadt, hunderte Autofahrer schlossen sich dem Konvoi an, der zeitweise mehrere Kilometer lang gewesen sein soll. Karl Schranz stand aufrecht im Schiebedach seines Wagens. In der Wetterlage spiegelte sich die Gemütslage der Nation wieder: Es hatte zwei Grad und es nieselte.

Gegen 14 Uhr erreichte die Wagenkolonne den Ballhausplatz. Im Bundeskanzleramt wurde Schranz von Kanzler Kreisky erwartet. Der Regierungschef ermunterte den St. Antoner Skifahrerhelden, sich auf dem Ballhausplatzbalkon der jubelnden Menge zu zeigen, weigerte sich aber anfangs, ihn dabei zu begleiten. Erst als Schranz zum dritten Mal auf den Balkon getreten war, gelang es dem Pistenidol, Kreisky zu überreden, gemeinsam die Ovationen mit "Karli" - und dann auch "Kreisky"-Rufen entgegenzunehmen.

Skifahrer und Kanzler profitierten wechselseitig vom Nimbus des jeweilig anderen. Diesem Strahlen sollte später auch Wladimir Putin erliegen.


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