Unser tägliches Low Carb gib uns heute: Wie ich durch die Hollywood-Diät zur Frau wurde

Feuilleton | Beichte: Nicole Scheyerer | aus FALTER 08/15 vom 18.02.2015

Meine erste Diät begann ich mit zwölf. Als morgendliches Ritual stellte ich mich im Klo des katholischen Mädcheninternats auf die Waage. Ich war gar nicht dick, aber der Speiseplan der Nonnen mit Knödel, Nudeln, Nockn und die Fresspakete meiner Mitschülerinnen setzten mir zu. Eine Frau hält einfach Diät: höchstes Gebot meiner Mutter, die tagsüber kaum etwas aß, dafür nachts Käseplatten und Eisbecher.

Ich wusste schon als Kind, dass die Frage "Hast du abgenommen?" Leute glücklich macht und dass es Lebenssinn schafft, wieder in enge Jeans zu passen. Am meisten faszinierte mich Elizabeth Taylors autobiografische Diätbibel, in der die Filmgöttin zu sehen ist, wie sie ziehharmonikaartig 30 Kilogramm zu- und dann wieder abnahm. In den Ferien beschloss ich, mein Heil auch in Mamas Hollywood-Diät zu suchen.

Ein Leben ohne Sünden! Die Klarheit der Gebote ließ es so einfach erscheinen: Toastbrot, harte Eier, Orangen, Steaks und mit Zitronensaft beträufelte Salatblätter; dazu Wasser, Wasser, Wasser. Mit dem Knurren im Bauch stellte sich auch das Diäthoch ein, dieses Gefühl von Reinheit und asketischer Willenskraft, das einen ernsthaft glauben lässt, nie mehr im Leben Krapfen oder Schnitzel zu brauchen. Meine pummelige Schwester hätte mich am liebsten gewürgt, als ich über meinen - eh flachen - Bauch klagte. Egal wie dünn, ich habe mich nie schlank genug gefühlt.

Obwohl ich früh kapierte, dass die Krux weniger das Abnehmen als das Halten des "Idealgewichts" ist, verfiel ich als Stressund Frustesserin jedes Mal ins Jojo. Keine Prüfung ohne Keks, kein Liebeskummer ohne Topfengolatschen, dafür gute Vorsätze zuhauf: "Ab Montag" gab es dann nur mehr Ananas, Hüttenkäse und Putenschinken auf Knäckebrot, Eiweißshakes oder Low-Carb-Menüs.

Kalorienarm essen ist teuer; für heutige Heilsversprechen wie "Metabolic Balance" würde ich keinen Cent mehr ausgeben. Dennoch bleibt Fasten verlockend. Mein "wahres" Gewicht liegt schließlich weit unter dem, was die Waage mir zeigt.


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