"Ein Lehrstück für die junge Republik"

Giulio Ricciarelli über seinen Film "Im Labyrinth des Schweigens" und die Arbeit mit Gert Voss

Lexikon | Interview: Michael Omasta | aus FALTER 08/15 vom 18.02.2015


Foto: Andreas Gursky/VG Bildkunst Bonn

Foto: Andreas Gursky/VG Bildkunst Bonn

Eigentlich ist Giulio Ricciarelli ja Schauspieler. Man kennt sein Gesicht aus deutschen Filmen, nun aber stellt der gebürtige Mailänder seine erste große Regiearbeit vor. „Im Labyrinth des Schweigens“ führt zurück in die Wirtschaftswunderzeit und erzählt die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. 1958 nahm die deutsche Justiz erste Ermittlungen gegen das ehemalige SS-Personal des Vernichtungslagers auf.

Die beiden zentralen Protagonisten des durchaus packenden Films sind der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (dominierend: Gert Voss in seiner letzten Rolle) und ein fiktiver junger Staatsanwalt (Alexander Fehling), in dessen persönlicher Entwicklung sich das erwachende Unrechtsbewusstsein der jungen Bundesrepublik widerspiegelt.

Falter: Wie haben Sie die Adenauer-Ära recherchiert, als man mit Hut und Anzug ins Amt ging und die Sekretärin noch beim Kosenamen rief?

Giulio Ricciarelli: Wir haben uns viel mit dieser Zeit beschäftigt und von Anfang an mit den Historikern vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt zusammengearbeitet. Ich hab viele Fotobände gewälzt, Romane gelesen und Filme aus der Zeit angeschaut. Nicht, um sie nachzuahmen, sondern um ein Gefühl dafür zu kriegen, wie sich die Leute damals gegeben haben.

Was irritiert die jungen Leute, die „Im Labyrinth des Schweigens“ sehen, mehr: Dass es Deutsche gab, die nichts über Auschwitz wussten – oder dass es eine Zeit ohne Smartphones gab?

Ricciarelli: Ich glaube, beides. (Lacht) Ich hab viele Schulvorstellungen besucht und die Jugendlichen reagieren sehr gut auf den Film, sind offen und interessiert. Oft erzählen sie von ihren Großvätern, das ist schon bewegend.

Spannend finde ich die Leerstellen, die der Film lässt. Als ein Überlebender seine Leidensgeschichte zu Protokoll gibt, entfernt sich die Kamera draußen mit einer Fahrt auf dem leeren Flur.

Ricciarelli: Bei so einem Film stellt sich die Frage: Will ich Szenen aus Auschwitz zeigen? Und falls ja, stelle ich die nach oder verwende ich Dokumentarmaterial? Ich hab schon während der Drehbucharbeit mit Elisabeth Bartel das Gefühl gehabt, dass ich weder das eine noch das andere will. Deshalb gibt es mehrere Stellen im Film, die konsequent als Auslassung gestaltet sind. Ich vertraue darauf, dass der Zuschauer stärker in den Film hineingezogen wird und viel emotionaler dabei ist, wenn ich ihm den Raum lasse, das selber zu ergänzen.

Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war als Jude, Exilant und Homosexueller quasi dreifach gezeichnet. Woher hatte dieser Mann seine Courage und seine Energie?

Ricciarelli: Er war einfach ein großer Humanist. Er hat diesen Auschwitz-Prozess für die junge Bundesrepublik geführt, als Lehrstück und wichtigen Schritt in die richtige Richtung, und nicht als Rächer.

Wie wichtig war es, für diese Rolle eine Schauspiellegende wie Gert
Voss zu gewinnen?

Ricciarelli: Von der Dramaturgie her kommt Fritz Bauer die Rolle des Mentors zu, der er für die jungen Staatsanwälte ja auch war. Und da war es schon entscheidend, dass Gert Voss zugesagt hat, weil der einen nicht nur die Kraft, sondern auch die Einsamkeit dieser Figur spüren lassen kann. So wie die jungen Staatsanwälte enormen Respekt vor Fritz Bauer hatten, so bewunderten die jungen Schauspieler Gert Voss. Gleich als er das erste Mal an den Drehort kam, war diese Energie im Raum, ich musste nichts dazu tun.

Wie kam es dazu, der historischen Figur Bauer einen fiktiven jungen Staatsanwalt gegenüberzustellen?

Ricciarelli: Ich wollte Fritz Bauer auch tatsächlich sprechen lassen, aber wenn die Hauptfigur immer nur großartige Sätze von sich gibt, dann wird das sehr rasch sehr bedeutungsschwer.

Sie meinen Sätze wie: „Ich bin immer noch im Exil, nur nicht in Schweden. Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland“?

Ricciarelli: Ja, das ist O-Ton Bauer. Ich kann diese Zeit aber viel besser erzählen, wenn ich einen jungen Menschen habe, mit dem ich mich identifiziere. Wir haben uns entschieden, diese emotionale innere Reise zum zentralen Spannungsbogen zu machen. Über Fritz Bauer, so charismatisch er war, hätte sich die Geschichte in dieser Form nicht erzählen lassen.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige